Dao oder Soheit?

Dezember 22, 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Der chinesische Philosoph Feng Youlan glaubte, dass die buddhistische Soheit, die er Buddhanatur nennt, dem Konzept des Dao im philosophischen Daoismus ziemlich ähnlich ist. Ist das so? Im Chan (Zen) gilt die Aussage, dass die Buddhanatur ewig und allen fühlenden Wesen zu eigen ist, auch wenn die meisten Menschen das nicht erkennen. Die buddhistische Soheit ist soweit weniger ein Prinzip als ein Zustand. Hat man diesen Zustand erreicht, so erkennt man die Leere der Welt. Der Chan-Buddhismus betont die Impermanenz der Welt. Es gibt niemand der Ich sagen könnte. Die Person, die du vor einer Sekunde warst, existiert schon nicht mehr. Aus diesem Blickwinkel gesehen, ist unsere Welt eine Illusion (Samsara). Und da keine Beständigkeit gibt, gibt es auch keine Geburt und keinen Tod.
Wenn wir nun das Dao der Daoisten anschauen, finden wir da wirklich Gemeinsamkeiten? Ja, aber wir sehen ebenfalls subtile sowie substanzielle Unterschiede. Das Dao ist das Grundprinzip der Welt. Es ist der Weg der Natur. Man kann das Dao nicht beschreiben. Es ist ewig, aber wir können nicht sagen, es existiere. Ebensowenig können wir behaupten, es würde nicht existieren. Alle Dinge dieser Welt sind seine Manifestationen. Das Dao ist unveränderlich, aber all seine Manifestationen unterliegen ständigen Wandlungen. Schauen wir diese Wandlungen an, so sehen wir, dass sie von einem Prinzip gesteuert werden.
Dieses Prinzip ist das Wirken von Yin und Yang. Alles in dieser Welt unterliegt Zyklen. Dies gilt sowohl für die Jahreszeiten als auch für die Lebenszeit eines Menschen. Von Geburt an vermehrt sich das Yang, die Kraft steigt, bis der Höhepunkt erreicht ist, dann übernimmt Yin die Zügel. Yin vermehrt sich bis der Tod eintritt. Die Wiedergeburt startet den Zyklus nun von Neuem. Wie sehen, dass sogar die Aktienbörsen diesem Prinzip folgen.
Der größte Unterschied zwischen dem Konzept des Daos und der buddhistischen Soheit ist aber das Karma. Buddhisten glauben an Ursache und Wirkung. Handlungen und Gedanken lösen Ursachen (Karma) aus. All diese Ursachen müssen eine Wirkung hervorbringen, auch wenn es manchmal lange dauern kann, bis die Wirkung eintritt. Die Wirkung trifft immer den Verursacher. Ist das kein Widerspruch zur Idee der Impermanenz? Nicht wirklich. Da die Welt nur eine Illusion ist, sind natürlich auch alle Wirkungen Illusionen. Und da auch Geburt und Tod in diesem Sinne nicht real sind, kann das Karma Tod und Wiedergeburt eines Individuums überleben. Wir können feststellen, dass Buddhismus eine ethische Philosophie ist, da jeder sich den Auswirkungen seiner Taten und Gedanken stellen muss.
Der Daoismus kennt kein solches Konzept, wiewohl viele verschiedene daoistische Varianten existieren. Daoismus und Chan haben sich über lange Zeit gegenseitig befruchtet, aber die frühen Daoisten stellten fest, dass das Wirken des Daos zufällig im Rahmen der Naturgesetze ist. Das Dao ist Spontanität und Intuition. Zukünftige Wirkungen können nicht berechnet oder gar beeinflusst werden. Ein guter Mensch zu sein, bringt keine Vorteile. Das Dao kennt keine Gefälligkeiten. Nichtsdestotrotz sollte man nicht gegen das Dao handeln. Das ist aber kein ethischer Grundsatz. Gegen das Dao zu handeln, heißt sich gegen die Natur zu stellen. Einen Pelzmantel im Hochsommer zu tragen ist schlicht genauso dumm wie nackt im Schnee zu stehen.
Wir können also schlußfolgern, dass der Daoismus pragmatischer ist als der Chan-Buddhismus. Seine Grundidee ist es, Handeln gegen die Natur zu vermeiden, damit man selbst keinen Schaden nimmt. Die Idee des Chans ist spiritueller. Hier muss die Erzeugung von Karma gestoppt werden um Wirkungen zu vermeiden. Darum steht Meditation im Zentrum der Philosophie des Chans. Mittels Meditation versuchen Chan-Buddhisten ihre Gedanken anzuhalten und somit die Kette aus Ursache und Wirkung zu zerbrechen. Nur wenn keine Gedanken mehr fließen, kann die Leere der Welt erkannt werden. Auch wird die Vergänglichkeit der Welt vom Chan aus einer höheren Perspektive gesehen. Geburt und Tod sind Illusionen und somit ohne Konsequenz. Für die Daoisten sind Geburt und Tod natürliche Zustände (Krisen) im Zyklus.

Feng, Y. (1987) Selected Philosophical Writings (English Edition), San Francisco:China Books
Li, W. (1999) Buddhistisch Philosophieren – Eine Einführung, Münster/ New York/ München/ Berlin, Waxmann

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Der Osten ist westlicher als der Süden

Juli 1, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Said beschuldigte den Westen in seinem berühmten Buch „Orientalism“ (1979 [1978]), den Orient als negativen Gegenpol zum vorgeblich zivilisierteren Westen aufgebaut zu haben. Der Orient wäre immer eine Konstruktion der westlichen Hegemonie gewesen (Said 1979 S. 7).

The whole point about this system is not that it is a misrepresentation of some Oriental essence – in which I not for a moment believe – but that it operates as representations usually do, for a purpose, according to a tendency, in a specific historical, intellectual, and even economic setting. (said 1979, p.273)

Said glaubt, dass der Orient nur ein Konzept des Westens sei; ein Konzept, dass im Laufe der Jahrhunderte immer wieder radikalen Veränderungen unterworfen war, aber in einem Punkt stabil blieb: es sah und sieht den Orientalen als den Anderen. Ich denke, das ist die Quintessenz der ganzen Idee. Um zu einer eigenen Identität zu gelangen, muss sich der Mensch abgrenzen. Dazu kommt, dass das Unbekannte sowohl Furcht einflößt,als auch die Phantasie anregt.Der Andere ist immer eine Gefahr. Jemand, den man nicht verstehen kann. Spricht er dann auch noch eine andere Sprache, so macht ihn das noch verdächtiger. Hat er gar eine andere Religion, so ist höchste Alarmstufe geboten. Und im Westen (auch eine Konstruktion!) hielt man sich ja spätestens seit der Renaissance, für das Höchste, was Gott je geschaffen. Alle anderen Menschen mussten minderwertig sein. Schließlich hatte man hier ja die Zivilisation erfunden. Die wissenschaftlichen Errungenschaften anderer Völker wurde ausgeblendet – zumal sie größtenteils in der Vergangenheit lagen. Dazu kam Montequieus Klimatheorie (Richter, 2009, S.127f.), die besagte, dass das Klima Einfluß auf die Physiologie und damit auf die Verhaltensweisen der Menschen hätte.

Said baut selbst eine Konstruktion auf. Die Sichtweise der Menschen im Westen auf den Orient war beileibe nicht immer negativ. Es gab , wie Richter feststellt, auch viel Schwärmerei für den Osten. Im Osten vermutete man das Paradies (Richter, 2009, S.54). Der Osten war also sogar der Sitz Gottes. Said sagt, solche Schwärmereien betrafen immer nur einen idealisierten, untergegangenen Orient, aber niemals den real existierenden. Said sieht alles durch seine arabische Brille. Ablehnung traf dabei doch nicht nur den Araber, sondern alles was fremdländisch war. Auch der Süden konnte in einem Moment Traumland und im anderen Heimat degenerierter, heimtückischer Menschen sein. Für den deutschen und britischen Reisenden konnten Italiener und Araber gleichermassen als minderwertige Menschen angesehen werden. Rassisten gab es damals wie heute genug.

Recht hat Said mit der Feststellung, dass man immer noch von „dem Araber“ sprechen kann, es sich aber in einigermassen gebildeten Kreisen verbietet, von „dem Juden“ oder „dem Neger“ zu reden (Said 1979, S.262). Wobei ich denke, dass eher von „dem Moslem“ als von „dem Araber“ geredet wird. Der Moslem wurde zum Gegenpol des „Westmenschens“ als der Ost-West-Gegensatz mit dem Untergang der Sowjetunion wegfiel

Die jahrzehntelange abschätzige Behandlung der Menschen in Nahen Osten, verknüpft mit der schwierigen ökonomischen Lage und eine zurecht als Zumutung empfundene Ungleichbehandlung von Juden und Arabern, hat einen rassistischen Haß in den arabischen Armutsvierteln geführt. Armut und Unrecht, verbunden mit Neid, sind der Nährboden auf dem Rassismus bestens gedeiht. Dieser Haß, der nun die vermeintlichen Peiniger trifft, stärkt im Gegenzug die Stereotype im Westen.

Die Imagination des Menschens kennt keine Grenzen. Jeder erschafft sich die Welt, in der lebt.Kissinger sagte, der Orientale glaube, die Welt sei in seinem Innern, während der Westmensch weiß, dass sie extern exisitiert.(Said, 1979, S.46f.) Das spricht meines Erachtens weder für eine überlegene westliche, noch für eine überlegene östliche Philosophie, sonder nur dafür, dass nicht immer die klügsten in hohe Machtpositionen gelangen.

Quellen

Richter, D. (2009) Der Süden – Geschichte einer Himmelsrichtung Berlin:Wagenbach

Said, E. W. (1979 [1978]) Orientalism New York:Vintage

Wider den Futurismus, wider die Romantik

März 29, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer wie ich mit Pink Floyd, Yes und Genesis sozialisiert wurde, weiß wovon ich spreche. Unsere Eltern hielten Rockmusik für Negermusik und damit für minderwertig. Schiller, Goethe, Beethoven und Wagner, das war Hochkultur. Comichefte, Rockmusik und Kaugummi standen für eine Amerikanisierung – und damit Zersetzung – der deutschen Hochkultur, die wir doch von den alten Griechen übernommen hatten um die Fackel der Ästhetik weiterzutragen. Im Grunde waren unsere Eltern zwar Sozis und somit dünkten sie sich liberal, was moderne Kunst angeht, aber selbst in Warhol sahen sie wohl einen Scharlatan.
Wir waren also auf der einen Seite gezwungen zu rebellieren, auf der anderen Seite konnten wir uns nicht allzu weit vom bürgerlichen Konsens wegbewegen. Nicht wenn man als Mittelschichtskiddie in einer deutschen Kleinstadt aufwuchs. Der Kompromiss war „progressive Rock“. Die Progger übernahmen die Kompositionsrichtlinien der Hochkultur – so weit ihre drogenvernebelten Gehirne deren Komplexität begriffen – und mischten sie mit den Grooves und Riffs der Affenmusik. Das Ergebnis war kulturell wertvoll – unserer Meinung nach, nicht in den Augen unserer Eltern und Lehrer.
Als ich sechszehn wurde, war das nicht mehr genug. Ich suchte mir neue Autoritätsgestalten. Das waren die Schreiberlinge diverser Musikmagazine – zuerst Harald Inhülsen, später Diedrich Diedrichsen. Sie erklärten mir, Musik müsse Synapsen sprengen. Anarchy in the UK. Endlich bestätigte mir jemand, dass Trash wertvoll als Karajan war – weil gesellschaftspolitisch relevant. Die deformierte, heuchlerische Gesellschaft musste dekonstruiert werden. Die dümmeren meiner Altersgruppe kapierten es nicht und hörten weiterhin Pink Floyd und zunehmend auch Asia.
Dabei ist die Idee, die Gesellschaft durch Zerstören ihrer Werte zu verwandeln, nicht unbefleckt. Auch Vordenker des Nationalsozialismus träumten von Barbarenscharen, die die fett und selbstgefällig gewordene Gesellschaft aus ihrem Schlummer risse und zu neuen Höhenflüge erwecke. Diese Leute verkannten allerdings, dass sie selbst Abschaum waren. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Synapsensprengen und Vergasen.
Heute ist Trash nur noch zur Unterhaltung da. Popcorn für Besoffene. Selbst Tarantino ist zum Gefangenen des Hollywoodsyndroms geworden. Splattermovies provozieren niemanden mehr. Womit kann man heute überhaupt noch provozieren?
In Frankreich halten Regisseure wie Gaspar Noe am Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft mittels Kunst fest. Aber in Frankreich hat sich auch der Marxismus gehalten, der in allen anderen Kulturnationen ferner als selbst der Neuplatonismus scheint. Noe erzählt in L’Irrreversible die Geschichte einer Vergewaltigung rückwärts. Der Film beginnt mit irre kreisender Kamera, nervtötenden Sirenen und damit dass ein Mann einem anderen mit einem Feuerlöscher das Gesicht zu Brei stampft. Die Kamera hält wacker drauf. Nur mit modernen Effekten wäre das möglich, erklärt das Beiheft zur DVD. Später sehen wir die Vergewaltigung einer jungen Frau, gespielt von Monica Belluci, in Echtzeit. Qualvolle Minuten können wir miterleben, wie der Mann die Frau demütigt, missbraucht und schließlich ihren Kopf immer wieder gegen den Beton knallt. Bis sie nicht mehr zappelt. Der Film endet mit einem langweiligen Plausch zwischen der Vergewaltigten – die da natürlich noch nichts von ihrem Schicksal wusste – und ihrem Freund. Zusätzlich zu allen anderen Qualen, bürdet Noe dem Voyeur auch noch die Qual der Langweile auf.
Vielleicht ist der Popcorn liebende Teil der Gesellschaft doch der normalere. Wenn zu viele Synapsen im Gehirn gleichzeitig zerspringen, bleibt wohl nur Verwirrung, Enthemmung und Wahnsinn. Man braucht sich den Dreck der Straße nicht in den Mund zu stecken, um zu wissen, dass er real ist. Die Arterien dieser Gesellschaft sind eh schon zu stark geschwollen, der Atem kommt in japsenden Stößen.

Warum künstliche Systeme nicht intelligent sein können

Januar 18, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Alle Versuche intelligente Computer zu bauen sind meiner Meinung nach gescheitert (siehe hier). Da gibt es nicht nur das Problem, dass es schwierig ist, die menschliche Fähigkeit zur Deduktion, Abduktion und Induktion nachzubauen, sondern die meisten (wenn nicht sogar alle) Ansätze wurzeln im anglo-amerikanischen Pragmatismus. Wenn nun der Mensch aber gar kein rational handelndes Wesen wäre? Wie kann man je Intuition oder Bauchgefühl positivistisch fassen? Was, wenn der Mensch sogar –wie die Psychoanalyse glaubt – von seinem irrationalen Unbewussten getrieben wird?

Neben den Ansätzen selbstlernende Systeme als intelligent darzustellen, gibt es seit einiger Zeit auch Versuche semiotische Maschinen zu bauen. Semiotik ist die Lehre von den Zeichen. Der Schweizer Linguist de Saussure (1857 – 1913) vertrat die Auffassung, ein Zeichen bestehe aus einem Zeicheninhalt und einem Zeichenausdruck. Die Zeichenform verweist auf die Zeichenbedeutung. Diese Verbindung ist aber willkürlich. Das Wort „Hund“ verweist auf das tatsächliche Tier, aber „Hund“ hat keine „natürliche“ Verbindung zu dem Tier. Die Franzosen nennen es „chien“ und es ist trotzdem dasselbe Tier. Für de Saussure sind Zeichen ausschließlich linguistische Symbole (Wörter). (Chandler, 2007, S.14ff.).

Der pragmatische Ansatz von Peirce, eines amerikanischen Philosophen, Physiker und Mathematikers, nimmt an, man könne die Bedeutung jedes Zeichens aus dem Kontext heraus erkennen. Im Gegensatz zu Saussure beschränkt Peirce den Begriff Zeichen nicht auf Sprache. (Chandler, 2007. S.29ff.) Wittgenstein hat aber schon festgestellt, dass die Welt des Menschen durch das begrenzt wird, was er denken kann. Und denken kann er nur, was er in Worte fassen kann. Saussure glaubt nicht, dass die Bedeutung von Wörtern allein durch den Kontext bestimmbar ist. Für ihn gibt es immer auch mitschwingende Bedeutungen, sogenannte Konnotationen, die von Rezipienten des Textes nicht unbedingt wahrgenommen werden. Ja, die nicht einmal vom Urheber des Textes bewusst gesetzt wurden.

Die Psychoanalyse glaubt, man könne das Unbewusste durch den Text ergründen. Dabei spielt eben die vordergründige Bedeutung, die rationalisierte Aussage, die wichtigste Rolle, sondern Wortwahl, Tonhöhe, Pausen und Grammatik. Eine komplizierte Grammatik lässt den Rückschluss zu, dass das der Text im Widerspruch zum Unbewussten steht und es deshalb dem Urheber schwerfällt ihn kohärent zu formulieren. Pausen, veränderte Tonhöhe und plötzlich unverständliche Aussprache zeigen dem Analytiker bei der freien Rede (also einem improvisierten Text), dass hier etwas angesprochen wird, das heikel für das Unbewusste ist.

Die Wortwahl ist aber der wichtigste Verweis auf die Bedeutung, die aus dem Unbewussten aufstieg und durch Abwehrmechanismen unterdrückt wurde. Wenn sich zwei (männliche) Freunde treffen und der eine weiß, dass der andere eine neue Beziehung begonnen hat, so fragt er vielleicht flapsig: „Was macht deine neue Freundin?“. Die Beziehung ist aber bereits wieder beendet. Der andere kann also antworten: „Ich habe Schluss gemacht. Sie hat mich nicht verstanden.“ Für Peirce wäre es im Kontext gleichbedeutend, wenn er sagen würde: „Ich habe Schluss gemacht. Ich bin (mit meinen Ideen) bei ihr nicht durchgedrungen.“

Für Saussurianer bestehen aber unterschiedliche Konnotationen. Psychoanalytisch gesehen weist die zweite Formulierung (durchgedrungen) auf sexuelle Konnotationen hin. Möglicherweise gab es keinen Sex. Das Verb „durchdringen“ ist dem Verb „eindringen“ ähnlich. Die erste Formulierung könnte man als neutral auffassen, aber man könnte auch versuchen sie psychoanalytisch zu hinterfragen. Das ist ohne weiteren Kontext nicht so einfach. Das Wort „verstanden“ könnte so interpretiert werden, dass der Sprecher sich selbst als intelligent ansieht, der Freundin aber den Verstand abspricht. Sie hat mich nicht verstanden, weil sie nicht intelligent genug ist. Wenn man nach ähnlichen Wörtern sucht, könnte man natürlich auch hier eine sexuelle Konnotation unterstellen. In Verstehen kommt das Wort „Stehen“ vor, also könnte man den Satz „Sie hat mich nicht verstanden“ interpretieren als „Wir haben Schluss gemacht, weil ich im Bett versagt habe. Er hat nicht gestanden. Ich habe keine Erektion bekommen.“ Das mag eine gewagte Interpretation sein, aber die Psychoanalyse glaubt (und da im Besonderen die Anhänger Lacans), dass das Unbewusste irrational ist und somit nur durch irrationale Methoden ergründet werden kann (Frosh, 1994). Eine Annahme, die der pragmatischen Schule der Peircianer völlig fremd ist.

Ein künstliches System, welches solche Konnotationen erkennen und darstellen will, muss zwangsläufig auf ein Lexikon dieser möglichen Bedeutungen zugreifen. Intelligenz wird hier wieder einmal nur vorgetäuscht. Ein künstliches System, welches wirklich intelligent wäre, müsste nach meiner Auffassung nicht nur eine logische Inferenzmaschine sein, sondern müsste auch Intuition beeinhalten; kurzum das System müsste auch einen bedeutenden irrationalen Teil besitzen. Wer will aber schon irrationale Systeme bauen?

Quellen

Chandler, D. (2007) Semiotics – the basics (2nd Edition), London:Routledge

Frosh, S (1994) Sexual Difference – Masculinity & Psychoanalysis, London:Routledge

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Und der Mensch verändert sich doch

Dezember 20, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Kritiker behaupten Psychoanalyse sei esoterisch. Und in der Tat geht die Psychoanalyse von Prämissen aus, die sich nicht beweisen lassen. Das ist aber nicht unbedingt esoterisch sondern gang und gäbe bei hermeneutischen Theorien. Schaut auf den Objektbeziehungszweig der Psychoanalyse, der sich nach Freuds Tod in England entwickelt hat, so muss man feststellen, dass sich dort zwei verfeindete Lager gebildet haben, die von diametral unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen.

Winnicott und die Deterministen

Das erste Lager ist das von Winnicott und Ainsworth begründete Feld der Bindungstheorie. Die Bindungstheorektiker haben im krassen Gegensatz zu Freud, dass der Mensch rein und gut in diese Welt geboren wird. Aggression entwickelt sich nur durch fehlerhafte Erziehung, insbesondere durch Fehler, die die primäre Bezugsperson ( meist die Mutter) in den ersten Lebensmonaten macht (Renn in Harding, 2006). Kann das Kind keine sichere Bindung zur Mutter bilden, so wird es auch im späteren Leben keine Bindungen eingehen können. Diese Theorie ist stark deterministisch geprägt, auch wenn sie inzwischen von Nachfolgern etwas „aufgeweicht“ wurde. Inzwischen gesteht man auch in dieser Richtung dem Menschen ein gewisses Potenzial an Fähigkeit zur Veränderung zu.

Kleinsche Dynamik

Das andere Lager ist das von Melanie Klein begründete. Klein orientierte sich in ihrer Theorie viel enger an Freud. Sie glaubt, dass der Mensch schon im Mutterleib das Potenzial, alles zu werden, in sich trägt. Der Mensch ist zu keinem Zeitpunkt ein unbefleckter Engel. Die Aggression ist immer vorhanden (Segal, 1995). Im menschlichen Geist liefern sich zeitlebens der Todestrieb und der Lebenstrieb einen Zweikampf. Sind sie im Gleichgewicht – ist also der Todestrieb durch Liebe gebunden – so kann der Mensch als physisch im Gleichgewicht gelten. Überwiegt der Todestrieb, so wirkt er nach außen als Aggression oder nach innen als Depression. Die Aggression ist aber nicht per se schlecht, sondern zum Leben nötig. Ohne Aggression fehlt dem Menschen der Antrieb. Schließlich war der Mensch auch einmal Jäger. Um Tiere zu jagen und schließlich zu töten braucht es eine gewisse Aggression.

Aggression ist auch für den künstlerischen Ausdruck nötig. Ohne Aggression kann kein Kunstwerk entstehen. Stokes (1965) schreibt: „I believe that in the creation of art there exists a preliminary element of acting out of aggression…„ Alle Kunst, die ohne Aggression entsteht ist bedeutungslos und austauschbar. Man sieht das zum Beispiel an vielen Stücken der sogenannten New-Age-Musik. Es ist eben nicht wirklich Kunst.

Gleichsam ist Kunst ein Heilmittel gegen Aggression. Sie bindet die vom Todestrieb ausgehende negative Kraft durch Liebe. Kunst hat ja immer etwas mit Schöpfung zu tun. Es ist also eine Ausdrucksform, die ihre Wurzel im Lebenstrieb hat. Das Spiel der psychodynamischen Kräfte reisst den Menschen hin und her. Es wühlt den Menschen auf und verunsichert ihn, aber aus dem Zusammenprall von Lebens- und Todestrieb entsteht die Kunst. Je heftiger der Aufprall, umso stärker ist die künstlerische Aussage. Über Charlie Parker, der als der vielleicht größte Jazz-Saxofonist aller Zeiten gilt, schrieb die American Record Review 1947: „Yardbird Parker has got something but whatever it is (and I’m not at all sure) I don’t want it.“ Er brauchte jedenfalls Alkohol und Heroin, um den Widerstreit der psychodynamischen Kräfte zu ertragen und diese trügerischen Helferlein brachten ihn viel zu früh ins Grab.

Für Klein ist das künstlerische Handeln immer auch der Versuch, etwas was der Todestrieb angestellt hat, wiedergutzumachen (Stokes, 1965). Der Mensch leidet unter dem, was seine Aggression an Schaden angerichtet hat und will nun als Gegenpol etwas Gutes schaffen.

Für Klein ist das Unbewusste nicht statisch. Durch Projektion und Introjektion verändert sich das Unbewusste ständig. Daher spielt es eine Rolle in welcher Umgebung man seine Lebenszeit verbringt. Sitzt man ein Jahr nur vor der Spielekonsole und spielt Ego-Shooter hat das einen anderen Effekt auf die Psyche, als wenn man das Jahr in einem buddhistischen Kloster verbringt. Das heißt allerdings nicht, dass jeder Mensch der Ballerspiele spielt, zwangsläufig zum Psychokiller wird. Allerdings sollte man darauf achten, dass man nicht zu viel Zeit in physisch belastenden Umgebungen verbringt. Einen Job, der als belastend und bedrückend angesehen wird, sollte man ziemlich zügig hinter sich lassen. Die negative Atmosphäre wirkt auf die eigene Psyche. Genauso hat eine positive Umgebung den umgekehrten Einfluss. Somit können auch frühe Traumata zu einem gewissen Grad überwunden werden. Allerdings darf man nicht vor ihnen fliehen, wie es Techniken wie die neurolinguistische Programmierung verlangen, sondern der Mensch muss im Gegenteil mit seinen Ängsten konfrontiert werden, damit diese ins Bewusstsein transportiert werden. Dieser Prozess ist aber schwierig und mühsam.

Bion und die Psyche als mathematische Formel

Wilfred Bion, der zwar in der Tradition von Melanie Klein stand, aber als eigenständiger Denker gilt, hat Kleins Theorie nochmals entscheidend verändert. Er fügt einen dritten grundlegenden Trieb hinzu. Zum Lebenstrieb L (Love) und dem Todestrieb H (Hate) kommt der Wissenstrieb K ( Knowledge). Für mich macht diese Dreiteilung wenig Sinn. Sicher strebt der Mensch danach sein Wissen zu vergrößern, aber ist das nicht eine Unterfunktion des Lebenstriebs? Um am Leben zu bleiben, seine Lebensumstände zu verbessern und um zu begreifen, was dieses Leben eigentlich ist, sucht der Mensch Wissen. Das sehe ich nicht als auf einer Ebene mit den zwei Urtrieben stehend an. Dann müsste man den Drang, sich künstlerisch zu betätigen, auch als primären Trieb aufführen. Wissens- und Kunsttrieb haben für mich ihre Wurzeln im Lebenstrieb, sind aber auch beeinflusst vom Todestrieb. Schließlich kann man Wissen auch missbrauchen. Bion spricht auch von -K, der Ignoranz, die sich auch in einen Trieb verwandeln kann, der aktiv versucht, Wissen zu vernichten. Ich sehe nicht wieso man +K und -K auf der primären Ebene einbauen muss.

Schließlich sprechen alle wichtigen Religionen von einem Dualismus der Kräfte. Gut und Böse. Schwarz und Weiß. Gott und Teufel. Yin und Yang. Wenn man wie im Daoismus, diese beiden Kräfte nicht als Gegensätze sieht, sondern feststellt das die eine, die andere enthält und dass ihre Beziehung zueinander einer ständigen Änderung des Kräfteverhältnis unterworfen ist, glaube ich, kommt man einer Erklärung, was uns innerlich antreibt sehr nahe. Und dann sind wir auch schon wieder im esoterischen Bereich.

Quellen

Harding, C (ed) (2006) Aggression and Destructiveness – Psychoanalytic Perspectives London:Routledge

Segal, H. (1995) „From Hiroshima to the Gulf War and after: a psychoanalytic perspective“ in Elliott, A. & Frosh, S. (eds.) Psychoanalysis in Context, London:Routledge

Stokes, A (1965) „The invitation in art“ in Grosso, S. (ed) Psychoanalysis and Art: Kleinian Perspectives (2004), London:Karnac

Zurück auf Los

November 14, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Text gibt immer Auskunft über das Unbewusste des Autors. Anzunehmen, dass jedes noch so winzige Teilchen des Textes von Belang für unsere Analyse sind, ist laut Stephen Frosh (1994) eine der Kernprinzipien der Psychoanalyse. Wobei der Autor natürlich nicht nur aus unbewussten Quellen schöpft. Nein, zum Teil ist das Werk auch rational. Der Text ist in unterschiedlichem Maße geplant und mehr oder weniger auf ein vom Autor anzipiertes Publikum ausgerichtet. Ein Fachartikel ist sicher weniger vom Unbewussten gesteuert als ein literarischer Text. Aber zwischen den Zeilen lugt auch beim sachlichen Artikel das Irrationale hervor.

Gerade im literarischen Text erfahren wir aber sehr viel über den Autor. Wobei ich nicht glaube, dass die hohe Literatur mehr Auskunft über den Autor gibt, als die sogenannte Schundliteratur. Gerade letztere liefert mit ihren holzschnittartigen Charakteren einen tiefen Einblick in die Psyche des Künstlers.Der Autor könnte auch sehr viel über sich erfahren, wenn er sich denn die Mühe machen würde, seinen Text zu analysieren. Nicht jeder Autor macht dies.

Mancher Autor schleppt diese unbewussten Probleme über Jahre, Jahrzehnte oder sogar sein ganzes Leben mit sich herum. Das sagt uns, dass er seine Texte nicht analysiert hat. Die Ängste und Phantasien, die zwischen den Zeilen zum Ausdruck kamen, wurden vom Autor nicht gedeutet und nicht mittels Semantik gebunden. Was für den aufmerksamen Leser offenbar war, ist vom Autor nicht erkannt worden. Wenn die Texte nur getrieben sind von den unbewussten Problemen, aber diese lodernden Energien nicht ins Bewusstsein geholt werden, kann es keinen psychischen Fortschritt geben. Man muss die psychodynamischen Kräfte in Worte übersetzen; Worte, die unzweifelhaft die Probleme aufzeigen.

Regression

Regression –  Begriff aus der Psychoanalyse für einen Rückfall in Verhaltensweisen, die einer vorangegangenen  Entwicklungsstufe entsprechen und i. d. R. mit weniger Anforderungen verbunden sind.

Großes Wörterbuch Psychologie (2007)

Schreibt ein Autor z.B. Werke mit deutlichem masochistischem Unterton, und bleibt der über lange Zeit konstant erhalten, so manifestierte sich diese Botschaft aus dem Unbewussten des Künstlers zwar im Text, blieb aber trotzdem von ihm unerkannt. Erst wenn der Autor sich des Hilferufes aus dem Unbewussten bewusst macht, schafft er es den psychodynamischen Knoten zum Platzen zu bringen.

Masochismus gilt in der psychoanalytischen Theorie als Regression in die schizoid-paranoide Position. Melanie Klein glaubt, dass jedes Kleinkind zuerst durch eine paranoid-schizoidee Phase gehen muss, bevor es über die depressive Phase in eine Phase mit gesunden Objektbeziehungen kommt. Warum nannte sie diese frühe Phase, die normalerweise in den ersten sechs Lebensmonaten durchlebt wird, so? Nun, das Baby fühlt sich allmächtig. Es ist ein Gott. Es muss erst erkennen, dass die Mutter ein externes, von ihm getrenntes, Wesen ist. Oder wie Klein es ausdrückt, ein externes Objekt. Nun muss das Kleinkind die Erfahrung verkraften, dass es abhängig von diesem externen Objekt ist. Das Objekt lässt sich nicht beliebig manipulieren. Wenn es sich von dem externen Objekt im Stich gelassen fühlt, entstehen Ängste, die in einem Fixierungspunkt markiert werden. Erfährt das Baby sogar Gewalt von Mutter oder Vater in dieser Phase, so ist ein Steckenbleiben in dieser Phase wahrscheinlich und damit eine spätere Psychose. Bei Stresssituation im späteren Leben, die zu einer gefühlten Überforderung führen, setzt dann eine Regression ein. Das ist ein Rückfall in eine frühere, durch Fixierungspunkt markierte, Entwicklungsphase. Bei Menschen, die Fixierungspunkte in der paranoid-schizoide Position haben, ist ein Rückfall in diese Phase möglich. Masochismus und Sadismus gelten als dieser Phase zugehörig.

Die Überforderung bringt Ängste aus dem Unbewussten nach oben.  Aus unbewusster Angst entsteht Aggression (Heimann, P. & Isaacs, S. 1952). Die Regression zum Fixierungspunkt ist teilweise zumindest eine Abwehrreaktion gegen diese Angst.  Aggression kann entweder nach außen oder nach innen gelenkt werden. Ruszcynski (2006) denkt, dass Aggression, wenn sie sexualisiert wird, im ersteren Fall sich als Sadismus, im zweiten Fall als Masochismus äußert. Beide Positionen suchen Trennung zu überwinden, d.h. sie sind getrieben von der Angst vor Getrenntsein und Abhängigkeit.

Nur nicht steckenbleiben

Ein temporäre Rückfall in die paranoid-schizoide Phase ist aber keine Psychose. Nur ein Hängenbleiben in dieser Position wäre kritisch. Stoller glaubt an eine Universalität dieser Perversionen (Stoller in Chodorow 1994, S. 48). Es muss also versucht werden, schnellstmöglich aus dieser Position wieder in eine „normale“, erwachsene Objektbeziehungssituation zu kommen. Das geht meiner Ansicht nach nur, durch die Bewusstmachung der unbewussten Ängste. Ich habe nichts gegen die BDSM-Szene. Ich stehe dem sehr liberal gegenüber, aber psychoanalytisch gesehen, ist es problematisch, wenn man diese unbewussten Phantasien auslebt. Das mag zwar besser sein, als sie zu unterdrücken, aber jede Umsetzung einer Phantasie in reale Aktion lässt ein schales Gefühl zurück. Die Phantasie ist immer stärker als die Realität. Was so begehrenswert erschien, bleibt bei der Ausübung blass und lässt die Agierenden noch unbefriedigter zurück. Und in der Ausübung liegt auch die Gefahr der Einübung gewisser Verhaltensmuster, die doch überwunden werden sollten. Nur die Ausformulierung der Phantasien kann sie bannen – nämlich durch Semantik.

Man sieht das auch, dass Leute, die in der BDSM-Szene aktiv sind, bleiben auch über Jahre oder Jahrzehnte in der Szene aktiv.Nur auf der semantischen Ebene kann man diese Wünsche befrieden und damit die psychodynamischen Kräfte, die sie hervorgebracht haben, beruhigen.  Das Gießen der Phantasie in Textform ist ja ein Vorgang der Kunst. Und Kunst ist ja auch eine Ersatzbefriedigung.

Allerdings ist auch dieser Text vom Unbewussten seines Autors unterwandert.  Und so muss ich mich fragen lassen, warum ich den Rückfall in die paranoid-schizoide Positin als alltäglich und relativ harmlos darstelle. Und warum behaupte ich, die aktive Ausübung sadomasochistischer Praktiken wäre kontraproduktiv? Vielleicht wäre ich da ja selbst gerne aktiv geworden, hatte aber einfach Angst und versuche das jetzt zu rationalisieren?  Will ich da vorbeugend etwas Peinlichem widersprechen, was mir noch niemand vorgehalten hat, das aber tun könnte? Wäre es mir peinlich, wenn ich es getan hätte?

Quellen

Chodorow, N (1994) Feminities, Masculinities, Sexualities: Freud and Beyond, Lexington:The University Press of Kentucky

Frosh, S (1994) Sexual Difference – Masculinity & Psychoanalysis, London:Routledge

Heimann, P. & Isaacs, S. (1952) „Regression“ in Klein, M., Heimann, P., Isaacs, S., and Riviere, J. (eds) Developments in Psychoanalysis; Karnac:London

Ruszcynski, S. (2006) „The problem of certain psychic realities: aggression and violence as perverse solutions“ in Harding, C (ed) (2006) Aggression and Destructiveness – Psychoanalytic Perspectives London:Routledge

Die gefühlte Stadt

Oktober 15, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Urban Studies sind von je her ein Grundthema der Soziologie. Angefangen hat das wohl mit Georg Simmel und seinen Eindrücken vom Berlin der Jahrtausendwende. Simmel hat maßgeblich die Chicago School of Sociology beeinflusst, deren Studien bis in die heutige Zeit bedeutsam geblieben sind. Während die Theoretiker der Chicagoer Schule das Stadtleben weitgehend als negativ angesehen haben, da es ihrer Meinung nach die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstörte, sieht man spätestens seit Castells‘ Mega-Trilogie The Rise of the Network Society, die Stadt als ein Konglomerat an, das von diversen Netzwerken durchzogen wird und sich ständig verändert. Das Problem ist, dass manche Stadtbewohner von den wichtigen Netzwerken ausgeschlossen sind. Die diversen Bevölkerungsgruppen in der Stadt schotten sich zunehmends von einander ab. Die Vielfalt, die das Stadtleben doch ausmachen sollte, droht verloren zu gehen.

Netzwerke durchziehen die Stadt

Das Leben in der Stadt gilt als „intensiver“ als das Landleben. Es bietet mehr Sinnesreize. Den Begriff “Intensität” können wir als Werkzeug benutzen um Städte zu verstehen. Aber es gibt verschiedene Formen der Intensität. Zuerst sind Intensitäten das Ergebnis aller sozialen Interaktionen aller Menschen, die sich in der Stadt begegnen. Sie werden aber auch erzeugt durch die Anhäufung von Geld und Waren. Und zuletzt entstehen sie als eine Folge der Verknüpfung der Stadt mit anderen Städten auf dem Globus. Die Idee dieser Intensität folgt aus der Annahme, dass Städte keine statischen Entitäten sind, sondern Teile eines sich fortwährend modifizierenden Netzwerks.

Aber die Stadt ist nicht nur mit anderen Städten über ein Netzwerk verbunden, auch in ihrem Innern ist sie durchzogen von Netzwerken. Diese verschiedenen Netzwerke können nebeneinander existieren ohne zuviel Notiz vom jeweilig anderen zu nehmen, aber sie können auch in Konflikt miteinander geraten. Wie wir gesehen haben, sind einige global – wie das Netzwerk der Finanzwelt – andere sind lokal, wie das Netzwerk der Obdachlosen. Globale Netzwerke gelten als mächtiger, aber sie sind nicht beschränkt auf die Finanzwelt. Als ein globales Netzwerk mit enormer ökonomischer und kultureller Kraft, wird oft das Netzwerk der Auslandschinesen beschrieben. Diese Chinesen, die ihre Heimat verlassen haben, um anderswo ihr Glück zu machen – was oftmals schon vor Generationen passierte – sind verlinkt über Verwandtschaft oder Freundschaft. Und sie halten alte chinesische Traditionen auch im fernen Ausland am Leben.

Menschen können Mitglieder in mehr als einem Netzwerk sein, aber Mitgliedschaft bedingt auch zwangsläufig Ausschluss. Von manchen Netzwerken sind manche Menschen ausgeschlossen. Aber alle sind Teil mindestens eines Netzwerks. Selbst die Obdachlosen sind nicht ohne eines. Diese Netzwerke sind allerdings nicht statisch, sie verändern sich. Der spanische Soziologe Manuel Castells denkt, dass Städte ihre Macht und Stärke aus den globalen Netzwerken, mit denen sie verbunden sind, ziehen. Für ihn liegt die Macht nicht in den Händen der Elite, sie fließt durch die Netzwerke. Wird die Verbindung unterbrochen, hat das fatale Folgen für die Stadt. Für Castells ist alles im Fluss. Er sieht die globale Stadt eher als einen ständigen Prozess statt einer statischen Entität.

Mehr als die Summe ihrer Teile

Intensitäten werden aber nicht nur durch die Zugehörigkeit zu – oder der Ausschluss von – einem Netzwerk erzeugt. Es ist die Vielfalt der sozialen Interaktionen in der Stadt, die das Stadtleben so intensiv machen. Toleranz und Anonymität können die Intensität etwas abkühlen, aber das Zusammentreffen der Extreme, für das die Städte so bekannt sind, kann Funken schlagen und soziale Spannungen entzünden.

Park, einer der Soziologen der Chicagoer Schule, sagte schon in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, dass eine Stadt mehr ist als ihre physische Form und ihre Institutionen. Für ihn war sie ein Gebilde und Ergebnis der menschlichen Eigenart, ein Geisteszustand. Das Erlebnis des Lebens in einer Stadt und des sich darin Bewegens, ist eine persönliche Erfahrung. Furcht oder Begeisterung zu fühlen, ist eine individuelle Reaktion. Das Bewerten einer Situation als gefährlich oder lustvoll basiert auf unseren Erfahrungen in der Vergangenheit. In einer unbekannten Stadt, oder einem unbekannten Stadtteil, kann leicht eine Fehlbewertung passieren, mit mitunter schlimmen Folgen. Verschiedene Teile der Stadt haben auch unterschiedliche Intensitäten. Aber Gefahr und Begeisterung sind subjektive Erfahrungen. Sie entspringen den Gefühlen des Dazugehörens oder Fremdseins.

Man kann auch sagen, dass eine Stadt einen eigenen Rhythmus hat. Oder eigene Rhythmen. Die Rhythmen werden durch das Hin und Her der Menschen in der Stadt geprägt, so wie durch ihre Gerüche und Geräusche. Es ist mehr als ein Rhythmus, da die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, verschiedene Rhythmen erzeugen. Sie stehen zu verschiedenen Tageszeiten auf, verrichten ihr Tagwerk an verschiedenen Lokalitäten, und sie verfolgen natürlich unzählige unterschiedliche Aktivitäten, aus verschiedensten Beweggründen.

Ein Gefühl des Dazugehörens

Auch solch solide und anscheinend statische Dinge wie Gebäude haben einen emotionalen Aspekt. Der französische Soziologe Lefebvre glaubte, dass sie ein Gefühl von Zugehörigkeit erwecken können. Aber wie schon gesagt, wenn es Leute gibt, die irgendwo dazugehören, dann gibt es auch welche, die nicht dazugehören. Obdachlose werden zum Beispiel im Innern einer Bank nicht gerne gesehen. Und gerade Banken zeigen ihre Macht durch ihre monumentalen Firmensitze. Der amerikanische Soziologe Sennett sagt deswegen auch, dass solche Gebäude Autorität und Machtbefugnis ausdrücken. Vielleicht kommt das ja davon, dass Menschen sich winzig und bedeutungslos fühlen neben solch einem Bauwerk. Alle Kulturen der Menschheitsgeschichte errichteten Monumentalbauten, um damit ihre Untertanen und ihre Feinde zu beeindrucken. Die 9/11-Terroristen haben auch die Türme des World Trade Centers gewählt und nicht die New York Stock Exchange, obwohl die Zerstörung von letzterer einen womöglich heftigeren Einfluss auf die USA und den Rest der Welt gehabt hätte.

Maspero, der über die trostlosen Hochhaussiedlungen des Pariser Banlieue geforscht hat, stellte selbst im berüchtigten Viertel Cité des 4000 eine Art von Zugehörigkeitsgefühl fest. Also auch heruntergekommene Wohnblocks können ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Jugendliche dieses Viertels zeigten bei ihrer Befragung durch Maspero sogar eine reichlich sentimentale Beziehung zu einer niedergerissenen Mauer, die vorher ihr Viertel vom Rest Paris abgegrenzt hatte. In Aulnay-sous-Bois, einem anderen Viertel mit üblem Leumund, erzählten ihm zwei Frauen, dass sie sich trotz den Vergewaltigungen, den Raubüberfällen und den Drogen, für die das Viertel berühmt ist, hier zu Hause fühlen. Es scheint, als ob sie sogar ein bisschen Stolz wären, in solch einer Umgebung zu überleben.

Allerdings können Gebäude nicht nur Identität erzeugen, sie können auch eine Entfremdung bewirken. Ulrich Mai beschrieb eine solche Situation für die ehemalige DDR, nachdem die Mauer gefallen war. Das Land wurde nach westlichen, kapitalistischen Grundsätzen quasi neu errichtet. Mai sagt, dass eine tiefe Identitätskrise, bis hin zu einem Verlust der Sinnesorientierung bei der Bevölkerung einsetzte. Gilsenan vergleicht das Errichten einer Moschee in Europa mit dem Wirken der Kolonialisten, die ihre Werte und Maßstäbe den Einheimischen aufoktruierten. Beides führt nach seiner Auffassung zu einer Unterbrechung von Beziehungen und bringt eingeübte Rhythmen durcheinander. Ich finde, die Erfahrung aus den Kolonien, so wie das heutige Leben in der ehemaligen DDR zeigen, dass Menschen sich recht schnell an eine neue Kultur gewöhnen. Wobei es natürlich umso schwieriger ist sich umzugewöhnen, je älter man ist.

Jeder gegen jeden

Nicht alles ist geklärt und für immer eingemauert in einer Stadt, vieles ist im Fluss. Menschen kommen und gehen, und die, die bleiben sind auch meist in Bewegung. Migranten, speziell solche mit einem fremden ethnischen Hintergrund, werden von den Behörden und der Medien argwöhnisch beäugt. Dabei kommt es oft zu Spannungen zwischen den Neuankömmlingen und den Alteingesessenen. Madon beschrieb die Anti-Tamilischen Ausschreitungen in Bangalore im Jahre 1991 und kam zu dem Schluss, dass der Quelle des Aufruhrs, die Angst der einheimischen Armen war, die Zugewanderten würden ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.

In manchen schnell wachsenden Städten, wie zum Beispiel Mexiko City sind viele der Zuwanderer Ureinwohner des Landes. Sie werden von der Armut auf dem Land in die Metropole gelockt. Und obwohl für alle Neuankömmlinge die Wahrscheinlichkeit sich in Slums am Stadtrand wiederzufinden, müssen die Indios mit besonderer Abneigung und Ablehnung rechnen.

Aber Gebiete mit prekären Wohnbedingungen müssen nicht unbedingt am Stadtrand liegen. Western hat aufgezeigt, wie die Jobs in Nordamerika mit der Mittelschicht in die Vororte gewandert sind und die Armen in den Innenstadtghettos zurückblieben. In Europa sieht die Lage allerdings anders aus. Umfangreiche Umsiedlungsaktionen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts sollten die prekären Wohnbedingungen der Armen lindern. Was als soziale Aktion gedacht war, schuf gerade diese Hochhaussiedlungen, deren Bevölkerung nun als Unterschicht wahrgenommen wird, und die als Bedrohung der Ordnung und Quelle allerlei Straftaten gilt. Maspero sprach von einer Generation, die niemals erfahren hat, was es heißt, einen richtigen Job zu haben. Mittlerweile verlassen in Berlin schon Jugendliche die Schulen, deren Väter noch nie einen richtigen Arbeitsplatz hatten. In solchen Gebieten steigt die Kriminalitätsrate und Straßengangs bieten eine neue Heimat und Identität für diejenigen, die die Gesellschaft anscheinend nicht braucht. Für Merry gibt es nur zwei Faktoren, die das Entstehen von Kriminalität begünstigen: Armut und Anonymität.

Die Kluft vergrößert sich

Viele Probleme, die wir in der Stadt heutzutage vorfinden, werden durch die wachsende Ungleichverteilung der Reichtümer in der Welt verursacht. Der ägyptische Wirtschaftswissenschaftler Ismail Serageldin hat darauf hingewiesen, dass sich nicht nur eine immer größere Kluft zwischen armen und reichen Ländern auftut, sondern sich auch die Schere innerhalb einer Nationalökonomie öffnet. Vor allem sieht er ein wachsendes Ungleichgewicht in der Entlohnung verschiedener Berufsgruppen, aber auch innerhalb der High-Tech-Berufe.

Für Sennett bildet unser Erziehungssysteme unsere Kinder und Jugendlichen für Jobs aus, die nicht mehr existieren. Wie auch Serageldin denkt er, dass die Arbeitslosigkeit strukturell und nicht zyklisch ist. Castells glaubt, der Ausschluss einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe von den mächtigen, globalen Netzwerken, sei die Wurzel des Problems. Diese gesellschaftliche Gruppe wird vom System nicht mehr gebraucht. Er nennt sie daher “strukturell irrelevante Personen”. Sennett scheint dem zuzustimmen, wenn er behauptet, dass Menschen zwar freikommen von dumpfen Routinearbeiten, aber nur, um festzustellen, dass es auch sonst nichts für sie zu tun gibt. Serageldin warnt, die Arbeitslosigkeit sei ein gesellschaftliches Pulverfass.

Welten kollidieren

Die Intensitäten einer Stadt werden also durch das Zusammentreffen von Gegensätzen verursacht: Reichtum und Armut, Wandel und Tradition, Ordnung und Chaos, Anonymität und Geselligkeit und nicht zuletzt Gemeinschaft und Unterschied. Gefühlte Intensitäten setzen sich aus Sinneseindrücken und emotionalen Erfahrungen zusammen, und nicht aus rationaler Betrachtung.

Gesellschaftliche Gruppen glauben an eine ungeheure Vielzahl von verschiedenen Werten. Sie haben vielfältige kulturelle und ethnische Hintergründe. Und wenn wir Kant und den Konstruktivisten folgen wollen, so lebt eh jede Person in ihrer eigenen Welt. Kant glaubte, Wahrnehmung wäre Schöpfung. Oder wie Schopenhauer uns Kant erklärt: Wir können das “Ding an sich” niemals wahrnehmen, sondern nur ein Phänomen, welches durch unsere Wahrnehmung erzeugt wurde. Eine Wahrnehmung der Dinge, so wie sie wirklich sind, ist unmöglich, da unser Gehirn alle eingehenden, sensorischen Signale interpretiert.

Zieht man all das in Betracht, so ist es kein Wunder das Segregation (die Trennung der einzelnen Bevölkerungsgruppen in der Stadt) ein so großes Thema ist. Da so viele Netzwerke mit so vielen verschiedenen Werten und Überzeugungen aufeinander treffen, können wir hier wirklich von verschiedenen Welten in der Stadt sprechen. Diese Welten können friedlich koexistieren, einander ignorieren so gut es geht, oder aber in Konflikt geraten. Die Idee der gefühlten Intensitäten hilft uns zu verstehen, was die treibenden Kräfte innerhalb dieser Welten sind, und so herauszufinden, was den Zusammenstoß verursachte.

Ghettoisierung

Die Menschen fürchten, was sie nicht verstehen. Sie suchen den Schutz von Gleichgesinnten und halten sich von Fremden fern. Zudem werden die Armen verstärkt als Bedrohung von den Reichen und der Mittelschicht wahrgenommen. Berichte über Verbrechen und Gewalt, die täglich von den Medien verbreitet werden, schüren diese Ängste. Auf der anderen Seite fürchtet das alteingesessene Prekariat die Konkurrenz der Neuankömmlinge. Unsere Auffassung über Missstände in unseren Städten ( und der Gesellschaft als Ganzes) ist stark von den Medien geprägt. Die Boulevardisierung der Presse und die verstärkte Marktmacht der privaten Fernsehkanäle tragen dazu bei, Ängste zu wecken und zu verstärken. Manche Medienwissenschaftler sehen das Schwarzmalen und das negative Image, welches das Prekariat dabei verpasst bekommt, als gezielte Aktion der Elite an, die so danach trachtet, den Status Quo zu erhalten.

Foucault hat sich in seinem Werk von solchen Positionen distanziert. Er glaubte nicht an die Macht in der Hand der Bourgeoisie und die Ohnmacht des Proletariats. Für ihn wirkte die Macht durch die Institutionen der Gesellschaft und deren Prozesse. Castells scheint ihm nicht so fern zu stehen, wenn er an ein Fließen der Macht durch die Netzwerke spricht.

Die Macht der Institutionen lässt sich auch am Beispiel des sogenannten “Redlining” feststellen. Hierbei ziehen Banken eine gedachte rote Linie um prekäre Wohngegenden und verweigern ihren Bewohnern Kredite. Dieser Brauch hat massive Auswirkungen auf die betroffenen Gebiete. Ohne Investitionen verkommen diese Viertel und eine Ghettoisierung ist am Ende unausweichlich. In Europa sind es hauptsächlich staatliche Stellen und Organisationen, die dem entgegen wirken.

Solche Gegenden und ihre Bewohner werden am Ende stigmatisiert. Davis berichtet von einem Gesetz in den USA, das es den Behörden sogar erlaubt, die Sozialwohnungen von Familien und Angehörige von mutmaßlichen Verbrechern räumen zu lassen. Er sieht hier Tür und Tor geöffnet für die Rückkehr der Sippenhaft. Und außerhalb ihres Ghettos sind dessen Bewohner erst recht nicht gerne gesehen. Beckett beschreibt in einem Artikel für den Indepedent On Sunday über ein neues Einkaufszentrum in Los Angeles, dessen ungeschminktes Versprechen, die (wohlsituierten) Kunden könnten dort einkaufen ohne von sogenannten “Krawallmachern” gestört zu werden. Vegara denkt, dass das negative Image der Ghettobewohner auch dadurch bestimmt wird, dass die prekären Wohngebiete kaum von Außenstehenden besucht werden.

Doch selbst Ghettos erzeugen ein gewisses Gemeinschaftsgefühl. Die Missachtung der anderen sorgt gerade für einen Zusammenhalt unter den Ausgegrenzten. Das ist eine natürliche Abwehr einer feindlichen Außenwelt. Gilroy, der die Situation im New Yorker Stadtviertel Harlem in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts studierte, stellte ein Gefühl für eine eigene schwarze Identität fest, die die von Hautfarbe und ethnischer Herkunft geprägte Identität bei weitem übertraf.

Teilzeitsegregation

Iris Marion Young, eine feministische Soziologin, plädiert für unassimiliertes Anderssein. Niemand sollte über Leute urteilen, die an andere Wert glauben. Die gesellschaftlichen Gruppen sollten frei ihre Wertvorstellung und ihren Glauben leben können. Und wir sollten andere so zu verstehen versuchen, wie sie sich selbst verstehen. Eine sehr idealistische, wenn nicht naive Idee. War Kants Idee richtig, dass eine objektive Wahrnehmung nicht möglich ist, dann ist Wahrnehmung ohne zu urteilen gänzlich utopisch. Und wie soll ich andere so verstehen, wie sie sich verstehen, verstehe ich mich doch selbst manchmal nicht. Ein russischer Arbeitskollege hat mir einmal erzählt, – um zu beweisen, wie gut Deutsche und Russen miteinander auskommen- dass er ein gemischtes Pärchen kennt, die sich perfekt verstehen würden. Ein deutscher Kollege erwiderte trocken: “Ich bin seit 30 Jahren mit einer Deutschen verheiratet, und ich habe sie immer noch nicht verstanden.” Tausende von Romanen ranken sich um die Idee der Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens – selbst wenn man sich noch so nah steht.

Es ist wohl so, dass es einen fundamentalen, nicht lösbaren Konflikt zwischen denen, die an absolute Werte glauben und jenen, für die alle Werte relativ sind, gibt. Aber wenn jede Gruppe der Gesellschaft uneingeschränkt ihre Werte leben kann, dann gibt es bald kein Gemeinwesen mehr, und Sennetts befürchteter Zusammenbruch der Gemeinschaft ist erreicht. Es muss gewisse gemeinsame Werte und Regeln geben, und sei es nur um die diversen Gruppen davon abzuhalten, sich gegenseitig zu zerfleischen und umzubringen.

Vielleicht kann Frasers Konzept der “Subaltern Publics” Abhilfe schaffen. Sie stellte sich wirkliche und metaphorische Räume vor, in denen marginalisierte Gruppen ihre Bedürfnisse artikulieren können. Segregation muss also nicht unbedingt negativ sein, wenn sie nur temporären Charakter hat. Denn wie die britische Soziologie Sophie Watson feststellte, hat jeder Mensch mehr als eine Identität und zu mehr als einer Gruppe gehört. Sie sieht die Entwicklung auch in die Richtung gehen, dass verschiedene Gruppen, ihre gruppentypischen Aktivitäten an spezifischen Orten praktizieren. So könnte ein Banker, der im Finanzzentrum der Stadt seinem Job nachgeht, sich am Abend zu einem homosexuellen Mann verwandeln, der sich in einer Schwulenbar vergnügt, und am Wochenende im Fußballstadion seine Identität als Fußballfan auslebt. Jede Lokalität wird für eine bestimmte Aktivität aufgesucht, die Segregation ist immer nur temporär. Solche geschützten Räume können Spannungen vermindern. Und solche Räume werden in Zukunft noch eher virtuell sein, als sie es heute schon sind. Bietet das Internet erst einmal volle Immersion, also das Eintauchen in die künstliche Welt und die Möglichkeit sie mit allen Sinnen erfahren, werden noch mehr dieser Räume digital sein.

Die Bevölkerung unserer Städte lebt nach immer mehr unterschiedlichen Werten und Glaubensgrundsätzen und zelebriert eine immense Vielfalt von Ritualen. Städte sind mehr als das, als was sie auf den ersten Blick erscheinen. Hinter den Mauern und Institutionen stehen unzählige von Welten. Jeder Einwohner erschafft sich seine eigene Welt. Niemand kann die eigentliche Stadt, die Stadt an sich, wahrnehmen, alle erschöpfen ihre eigene, subjektive, einmalige Stadt. Wir müssen, um zu verstehen, was die verschiedenen Gruppen antreibt, versuchen zu begreifen, dass sie die Stadt jeweils in einer anderen, eigenen Weise erleben. Das Entstehen von Gemeinschaft und das Ausgrenzen anderer Menschen ist kein rationaler Prozess. Segregation wird von Gefühlen und von irrationalen Ängsten gesteuert. Das Suchen nach Gemeinschaft ist auf der anderen Seite auch der Versuch Veränderungen und Unsicherheit abzuwehren.

Quellen

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