Dao oder Soheit?

Dezember 22, 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Der chinesische Philosoph Feng Youlan glaubte, dass die buddhistische Soheit, die er Buddhanatur nennt, dem Konzept des Dao im philosophischen Daoismus ziemlich ähnlich ist. Ist das so? Im Chan (Zen) gilt die Aussage, dass die Buddhanatur ewig und allen fühlenden Wesen zu eigen ist, auch wenn die meisten Menschen das nicht erkennen. Die buddhistische Soheit ist soweit weniger ein Prinzip als ein Zustand. Hat man diesen Zustand erreicht, so erkennt man die Leere der Welt. Der Chan-Buddhismus betont die Impermanenz der Welt. Es gibt niemand der Ich sagen könnte. Die Person, die du vor einer Sekunde warst, existiert schon nicht mehr. Aus diesem Blickwinkel gesehen, ist unsere Welt eine Illusion (Samsara). Und da keine Beständigkeit gibt, gibt es auch keine Geburt und keinen Tod.
Wenn wir nun das Dao der Daoisten anschauen, finden wir da wirklich Gemeinsamkeiten? Ja, aber wir sehen ebenfalls subtile sowie substanzielle Unterschiede. Das Dao ist das Grundprinzip der Welt. Es ist der Weg der Natur. Man kann das Dao nicht beschreiben. Es ist ewig, aber wir können nicht sagen, es existiere. Ebensowenig können wir behaupten, es würde nicht existieren. Alle Dinge dieser Welt sind seine Manifestationen. Das Dao ist unveränderlich, aber all seine Manifestationen unterliegen ständigen Wandlungen. Schauen wir diese Wandlungen an, so sehen wir, dass sie von einem Prinzip gesteuert werden.
Dieses Prinzip ist das Wirken von Yin und Yang. Alles in dieser Welt unterliegt Zyklen. Dies gilt sowohl für die Jahreszeiten als auch für die Lebenszeit eines Menschen. Von Geburt an vermehrt sich das Yang, die Kraft steigt, bis der Höhepunkt erreicht ist, dann übernimmt Yin die Zügel. Yin vermehrt sich bis der Tod eintritt. Die Wiedergeburt startet den Zyklus nun von Neuem. Wie sehen, dass sogar die Aktienbörsen diesem Prinzip folgen.
Der größte Unterschied zwischen dem Konzept des Daos und der buddhistischen Soheit ist aber das Karma. Buddhisten glauben an Ursache und Wirkung. Handlungen und Gedanken lösen Ursachen (Karma) aus. All diese Ursachen müssen eine Wirkung hervorbringen, auch wenn es manchmal lange dauern kann, bis die Wirkung eintritt. Die Wirkung trifft immer den Verursacher. Ist das kein Widerspruch zur Idee der Impermanenz? Nicht wirklich. Da die Welt nur eine Illusion ist, sind natürlich auch alle Wirkungen Illusionen. Und da auch Geburt und Tod in diesem Sinne nicht real sind, kann das Karma Tod und Wiedergeburt eines Individuums überleben. Wir können feststellen, dass Buddhismus eine ethische Philosophie ist, da jeder sich den Auswirkungen seiner Taten und Gedanken stellen muss.
Der Daoismus kennt kein solches Konzept, wiewohl viele verschiedene daoistische Varianten existieren. Daoismus und Chan haben sich über lange Zeit gegenseitig befruchtet, aber die frühen Daoisten stellten fest, dass das Wirken des Daos zufällig im Rahmen der Naturgesetze ist. Das Dao ist Spontanität und Intuition. Zukünftige Wirkungen können nicht berechnet oder gar beeinflusst werden. Ein guter Mensch zu sein, bringt keine Vorteile. Das Dao kennt keine Gefälligkeiten. Nichtsdestotrotz sollte man nicht gegen das Dao handeln. Das ist aber kein ethischer Grundsatz. Gegen das Dao zu handeln, heißt sich gegen die Natur zu stellen. Einen Pelzmantel im Hochsommer zu tragen ist schlicht genauso dumm wie nackt im Schnee zu stehen.
Wir können also schlußfolgern, dass der Daoismus pragmatischer ist als der Chan-Buddhismus. Seine Grundidee ist es, Handeln gegen die Natur zu vermeiden, damit man selbst keinen Schaden nimmt. Die Idee des Chans ist spiritueller. Hier muss die Erzeugung von Karma gestoppt werden um Wirkungen zu vermeiden. Darum steht Meditation im Zentrum der Philosophie des Chans. Mittels Meditation versuchen Chan-Buddhisten ihre Gedanken anzuhalten und somit die Kette aus Ursache und Wirkung zu zerbrechen. Nur wenn keine Gedanken mehr fließen, kann die Leere der Welt erkannt werden. Auch wird die Vergänglichkeit der Welt vom Chan aus einer höheren Perspektive gesehen. Geburt und Tod sind Illusionen und somit ohne Konsequenz. Für die Daoisten sind Geburt und Tod natürliche Zustände (Krisen) im Zyklus.

Feng, Y. (1987) Selected Philosophical Writings (English Edition), San Francisco:China Books
Li, W. (1999) Buddhistisch Philosophieren – Eine Einführung, Münster/ New York/ München/ Berlin, Waxmann

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