Als Bayern (beinahe) pfälzisch war

März 1, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Dass ein pfälzischer Sozialdemokrat einmal Bayern regiert hat, klingt eher nach einem Märchen der Brüder Grimm als nach historischer Wahrheit. Und doch es ist wahr. Und wie stieß ich auf diese unglaubliche Geschichte? Auch das ist unglaublich.  Der rechtsextreme Publizist Gerhard Frey war am 19. Februar gestorben und ich habe aus keinem besonderen Grund im Internet nach Informationen zu seiner Person recherchiert. Unvermeidlich stößt man da auf Wikipedia. Im Wikipedia-Eintrag erfuhr ich, dass Freys Vater Mitglied der Bayrischen Volkspartei war und als Teil des Freikorps, das von Ministerpräsident Hoffmann gegen die Räterepublik München entsendet wurde, kämpfte. Da ich nicht viel über die Münchener Räterepublik wusste ( jetzt weiß ich, dass es sogar zwei Räterepubliken im München gab), folgte ich dem Link.

So erfuhr ich von Johannes Hoffmann, einer Person, die man wohl als schillernd oder auch als enorm sprunghaft bezeichnen könnte. Hoffmann war ein in Landau geborener Lehrer, der von 1899 bis 1904 für die Deutsche Volkspartei im Kaiserslauterer Stadtrat saß. 1907 trat er in die SPD über und wurde in den Landtag gewählt. Aus dem Schuldienst musste er daraufhin zurücktreten. 1912 wurde er in den Reichstag gewählt. 1918 wurde er bayerischer Kultusminister und 1919 schließlich sogar Ministerpräsident. Seine Regierungszeit war überschattet von der Bildung besagter zweier Räterepubliken in München. Seine Regierung musste nach Bamberg fliehen. Unter Hoffmann wandte sich die bayerische (M)SPD offen gegen eine linke Revolution. Die Koalition mit der USPD zerfiel. Mit Hilfe von rechtsradikalen Freikorps, zu denen auch Gerhard Freys Vater gehörte, wurde München zurückerobert. Die Freikorps ermordeten dabei mehrere Hundert Menschen. Hoffmann schmiedete nun eine neue Koalition mit bürgerlichen Parteien ( darunter die Bayerische Volkspartei).

Schon 1920 trat Hoffmann als Ministerpräsident Bayerns zurück, um sich in Ludwigshafen zum Oberbürgermeister wählen zu lassen. Allerdings verlor er die Wahl. Er trat wieder in den pfälzischen Schuldienst ein. Jetzt hätte er sich einen beschaulichen Lebensabend machen können, doch schon 1923 sorgte er wieder für Tumult. Mit den SPD-Genossen Friedrich Wilhelm Wagner und Paul Kleefoot wollte er die Pfalz zu enem eigenständigen Staat im Deutschen Reich machen. Hoffmann und seine Mitstreiter scheiterten wohl auch an der ablehnenden Haltung der Mehrheit in der SPD.  Der Versuch mißlang jedenfalls und er musste aus dem Schuldienst ausscheiden. Nach seinem Tod im Jahre 1930 verweigerte der bayerische Staat der Witwe Hoffmanns eine Pension.

Die (linksrheinische) Pfalz war von 1816 bis 1945 ein Teil Bayerns. Zur Zeit der französischen Besatzung kam es ab 1923 zu separatistischen Aktionen. So seltsam es erscheint, dass ein ehemaliger bayerischer Ministerpräsident sich für die Befreiung der Pfalz von Bayern einsetzte, so gehörten er und seine Mitstreiter doch zu den gemäßigten Kräften. Unter den pfälzischen Separatisten gab es auch radikalere Gruppierungen. Franz-Josef Heinz (Heinz-Orbis) wollte sogar einen eigenständigen Staat, unabhängig vom Deutschen Reich. Heinz-Orbis war ein nordpfälzischer Landwirt und Mitglied der Deutschen Volkspartei. Er saß im pfälzischen Kreistag und hatte das separatistische Pfälzische Corps gegründet. Im November 1923 rief er die Autonome Pfalz aus. Heinz-Orbis und mehrere Mitstreiter wurden – offenbar mit Billigung oder gar im Auftrag der bayerischen Regierung – vom rechtsradikalen Bund Wiking in Speyer 1924 ermordet.

Advertisements

Tagged:, , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Als Bayern (beinahe) pfälzisch war auf Semantik und Übertragung.

Meta

%d Bloggern gefällt das: