Der Osten ist westlicher als der Süden

Juli 1, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Said beschuldigte den Westen in seinem berühmten Buch „Orientalism“ (1979 [1978]), den Orient als negativen Gegenpol zum vorgeblich zivilisierteren Westen aufgebaut zu haben. Der Orient wäre immer eine Konstruktion der westlichen Hegemonie gewesen (Said 1979 S. 7).

The whole point about this system is not that it is a misrepresentation of some Oriental essence – in which I not for a moment believe – but that it operates as representations usually do, for a purpose, according to a tendency, in a specific historical, intellectual, and even economic setting. (said 1979, p.273)

Said glaubt, dass der Orient nur ein Konzept des Westens sei; ein Konzept, dass im Laufe der Jahrhunderte immer wieder radikalen Veränderungen unterworfen war, aber in einem Punkt stabil blieb: es sah und sieht den Orientalen als den Anderen. Ich denke, das ist die Quintessenz der ganzen Idee. Um zu einer eigenen Identität zu gelangen, muss sich der Mensch abgrenzen. Dazu kommt, dass das Unbekannte sowohl Furcht einflößt,als auch die Phantasie anregt.Der Andere ist immer eine Gefahr. Jemand, den man nicht verstehen kann. Spricht er dann auch noch eine andere Sprache, so macht ihn das noch verdächtiger. Hat er gar eine andere Religion, so ist höchste Alarmstufe geboten. Und im Westen (auch eine Konstruktion!) hielt man sich ja spätestens seit der Renaissance, für das Höchste, was Gott je geschaffen. Alle anderen Menschen mussten minderwertig sein. Schließlich hatte man hier ja die Zivilisation erfunden. Die wissenschaftlichen Errungenschaften anderer Völker wurde ausgeblendet – zumal sie größtenteils in der Vergangenheit lagen. Dazu kam Montequieus Klimatheorie (Richter, 2009, S.127f.), die besagte, dass das Klima Einfluß auf die Physiologie und damit auf die Verhaltensweisen der Menschen hätte.

Said baut selbst eine Konstruktion auf. Die Sichtweise der Menschen im Westen auf den Orient war beileibe nicht immer negativ. Es gab , wie Richter feststellt, auch viel Schwärmerei für den Osten. Im Osten vermutete man das Paradies (Richter, 2009, S.54). Der Osten war also sogar der Sitz Gottes. Said sagt, solche Schwärmereien betrafen immer nur einen idealisierten, untergegangenen Orient, aber niemals den real existierenden. Said sieht alles durch seine arabische Brille. Ablehnung traf dabei doch nicht nur den Araber, sondern alles was fremdländisch war. Auch der Süden konnte in einem Moment Traumland und im anderen Heimat degenerierter, heimtückischer Menschen sein. Für den deutschen und britischen Reisenden konnten Italiener und Araber gleichermassen als minderwertige Menschen angesehen werden. Rassisten gab es damals wie heute genug.

Recht hat Said mit der Feststellung, dass man immer noch von „dem Araber“ sprechen kann, es sich aber in einigermassen gebildeten Kreisen verbietet, von „dem Juden“ oder „dem Neger“ zu reden (Said 1979, S.262). Wobei ich denke, dass eher von „dem Moslem“ als von „dem Araber“ geredet wird. Der Moslem wurde zum Gegenpol des „Westmenschens“ als der Ost-West-Gegensatz mit dem Untergang der Sowjetunion wegfiel

Die jahrzehntelange abschätzige Behandlung der Menschen in Nahen Osten, verknüpft mit der schwierigen ökonomischen Lage und eine zurecht als Zumutung empfundene Ungleichbehandlung von Juden und Arabern, hat einen rassistischen Haß in den arabischen Armutsvierteln geführt. Armut und Unrecht, verbunden mit Neid, sind der Nährboden auf dem Rassismus bestens gedeiht. Dieser Haß, der nun die vermeintlichen Peiniger trifft, stärkt im Gegenzug die Stereotype im Westen.

Die Imagination des Menschens kennt keine Grenzen. Jeder erschafft sich die Welt, in der lebt.Kissinger sagte, der Orientale glaube, die Welt sei in seinem Innern, während der Westmensch weiß, dass sie extern exisitiert.(Said, 1979, S.46f.) Das spricht meines Erachtens weder für eine überlegene westliche, noch für eine überlegene östliche Philosophie, sonder nur dafür, dass nicht immer die klügsten in hohe Machtpositionen gelangen.

Quellen

Richter, D. (2009) Der Süden – Geschichte einer Himmelsrichtung Berlin:Wagenbach

Said, E. W. (1979 [1978]) Orientalism New York:Vintage

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