Wider den Futurismus, wider die Romantik

März 29, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer wie ich mit Pink Floyd, Yes und Genesis sozialisiert wurde, weiß wovon ich spreche. Unsere Eltern hielten Rockmusik für Negermusik und damit für minderwertig. Schiller, Goethe, Beethoven und Wagner, das war Hochkultur. Comichefte, Rockmusik und Kaugummi standen für eine Amerikanisierung – und damit Zersetzung – der deutschen Hochkultur, die wir doch von den alten Griechen übernommen hatten um die Fackel der Ästhetik weiterzutragen. Im Grunde waren unsere Eltern zwar Sozis und somit dünkten sie sich liberal, was moderne Kunst angeht, aber selbst in Warhol sahen sie wohl einen Scharlatan.
Wir waren also auf der einen Seite gezwungen zu rebellieren, auf der anderen Seite konnten wir uns nicht allzu weit vom bürgerlichen Konsens wegbewegen. Nicht wenn man als Mittelschichtskiddie in einer deutschen Kleinstadt aufwuchs. Der Kompromiss war „progressive Rock“. Die Progger übernahmen die Kompositionsrichtlinien der Hochkultur – so weit ihre drogenvernebelten Gehirne deren Komplexität begriffen – und mischten sie mit den Grooves und Riffs der Affenmusik. Das Ergebnis war kulturell wertvoll – unserer Meinung nach, nicht in den Augen unserer Eltern und Lehrer.
Als ich sechszehn wurde, war das nicht mehr genug. Ich suchte mir neue Autoritätsgestalten. Das waren die Schreiberlinge diverser Musikmagazine – zuerst Harald Inhülsen, später Diedrich Diedrichsen. Sie erklärten mir, Musik müsse Synapsen sprengen. Anarchy in the UK. Endlich bestätigte mir jemand, dass Trash wertvoll als Karajan war – weil gesellschaftspolitisch relevant. Die deformierte, heuchlerische Gesellschaft musste dekonstruiert werden. Die dümmeren meiner Altersgruppe kapierten es nicht und hörten weiterhin Pink Floyd und zunehmend auch Asia.
Dabei ist die Idee, die Gesellschaft durch Zerstören ihrer Werte zu verwandeln, nicht unbefleckt. Auch Vordenker des Nationalsozialismus träumten von Barbarenscharen, die die fett und selbstgefällig gewordene Gesellschaft aus ihrem Schlummer risse und zu neuen Höhenflüge erwecke. Diese Leute verkannten allerdings, dass sie selbst Abschaum waren. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Synapsensprengen und Vergasen.
Heute ist Trash nur noch zur Unterhaltung da. Popcorn für Besoffene. Selbst Tarantino ist zum Gefangenen des Hollywoodsyndroms geworden. Splattermovies provozieren niemanden mehr. Womit kann man heute überhaupt noch provozieren?
In Frankreich halten Regisseure wie Gaspar Noe am Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft mittels Kunst fest. Aber in Frankreich hat sich auch der Marxismus gehalten, der in allen anderen Kulturnationen ferner als selbst der Neuplatonismus scheint. Noe erzählt in L’Irrreversible die Geschichte einer Vergewaltigung rückwärts. Der Film beginnt mit irre kreisender Kamera, nervtötenden Sirenen und damit dass ein Mann einem anderen mit einem Feuerlöscher das Gesicht zu Brei stampft. Die Kamera hält wacker drauf. Nur mit modernen Effekten wäre das möglich, erklärt das Beiheft zur DVD. Später sehen wir die Vergewaltigung einer jungen Frau, gespielt von Monica Belluci, in Echtzeit. Qualvolle Minuten können wir miterleben, wie der Mann die Frau demütigt, missbraucht und schließlich ihren Kopf immer wieder gegen den Beton knallt. Bis sie nicht mehr zappelt. Der Film endet mit einem langweiligen Plausch zwischen der Vergewaltigten – die da natürlich noch nichts von ihrem Schicksal wusste – und ihrem Freund. Zusätzlich zu allen anderen Qualen, bürdet Noe dem Voyeur auch noch die Qual der Langweile auf.
Vielleicht ist der Popcorn liebende Teil der Gesellschaft doch der normalere. Wenn zu viele Synapsen im Gehirn gleichzeitig zerspringen, bleibt wohl nur Verwirrung, Enthemmung und Wahnsinn. Man braucht sich den Dreck der Straße nicht in den Mund zu stecken, um zu wissen, dass er real ist. Die Arterien dieser Gesellschaft sind eh schon zu stark geschwollen, der Atem kommt in japsenden Stößen.
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