Wenn das schon alle haben, kaufe ich das blind

März 17, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Spiegel-Bestsellerliste „bildet Buchverkäufe nicht nur ab, sie schürt sie auch“, verkündet das Magazin Literaturen in seinem Frühjahrsheft (Literaturen 2012, Nr. 105 , S. 5). Das ist nun keine besondere Offenbarung. Dass die Liste nicht nur Bestandsaufnahme, sondern eben auch Werbung ist, sollte jedem einleuchten.

Wenn’s stimmt, dass das schon alle haben,
Dann vertrau‘ doch einfach blind!

Mediengruppe Telekommander (2004)

Mediengruppe Telekommander – Bis zum Erbrechen schreien

Im Meer der Neuerscheinungen gehen die meisten Veröffentlichungen unter. Vieles kommt erst gar nicht an die Oberfläche. Denn, wie kann man etwas kaufen, von dem man gar nicht weiß, dass es es gibt. Zum Glück gibt es Werbung. Aber halt, Werbung ist für den Werbenden aufwändig  – sie kostet Zeit und Geld – und für den Umworbenen oft nervig.

Macht Lieschen Müller allzu platt Reklame für ihren neuen bei Books On Demand erschienenen Gedichtband, dann ist im besten Falle Desinteresse die Reaktion der Adressaten. Je nach Penetranz der Werbenden, kann sich der wehrlose Rezipient auch angepöbelt fühlen. In letzterem Falle ist der spätere Kauf von Lieschen Müllers Werken eher unwahrscheinlich.

Allerdings vergisst der Konsument auch schnell. Ist erst einmal die nächste Welle der Informationsflut über ihn (oder sie) hinweggeschwappt, so hat sie auch die Erinnerung an Lieschen Müller weggespült. Wird ihr Buch jetzt auch noch in einem Magazin, einer Zeitung oder einem Podcast besprochen, so mag der Rezipient dieser nun literarischeren Variante der Reklame, vielleicht doch noch zugreifen, obwohl er doch beschworen nichts von dieser Nervensäge zu kaufen. Und eine Nennung in einer renomierten Zeitschrift wie dem Spiegel hat natürlich Überzeugungskraft – und sei das Buch auch nur in der Bestsellerliste erwähnt. Wenn das so viele kaufen, dann muss ja was dran sein.

Zumindest für meine Generation gelten diese Beobachtungen, den Nachgeborenen unterstelle ich zwar die gleichen Reflexe, aber statt zum Kauf führt das dann zum illegalen Download. Die Autorin oder der Autor dürfen sich dann nur noch darüber freuen, dass sie gelesen werden. Und das ist ja schließlich das eigentliche Ziel jedes Autors.

Allerdings ist Kaufen oder Herunterladen nicht gleichbedeutend mit Lesen. Bücher machen sich auch ungelesen ganz hübsch im Bücherregal und Downloads muss man halt auch einfach besitzen. Der Mensch ist schließlich Sammler. Man weiß nicht, für was es noch mal gut sein könnte. Egal, die Autorin kann sich an der Vorstellung laben, gelesen zu werden. Das allein sollte sie glücklich machen. Sie braucht ja nicht zu erfahren, dass ihr Werk ungelesen und ungeliebt in einer realen oder virtuellen Ecke herumsteht.

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