Warum künstliche Systeme nicht intelligent sein können

Januar 18, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Alle Versuche intelligente Computer zu bauen sind meiner Meinung nach gescheitert (siehe hier). Da gibt es nicht nur das Problem, dass es schwierig ist, die menschliche Fähigkeit zur Deduktion, Abduktion und Induktion nachzubauen, sondern die meisten (wenn nicht sogar alle) Ansätze wurzeln im anglo-amerikanischen Pragmatismus. Wenn nun der Mensch aber gar kein rational handelndes Wesen wäre? Wie kann man je Intuition oder Bauchgefühl positivistisch fassen? Was, wenn der Mensch sogar –wie die Psychoanalyse glaubt – von seinem irrationalen Unbewussten getrieben wird?

Neben den Ansätzen selbstlernende Systeme als intelligent darzustellen, gibt es seit einiger Zeit auch Versuche semiotische Maschinen zu bauen. Semiotik ist die Lehre von den Zeichen. Der Schweizer Linguist de Saussure (1857 – 1913) vertrat die Auffassung, ein Zeichen bestehe aus einem Zeicheninhalt und einem Zeichenausdruck. Die Zeichenform verweist auf die Zeichenbedeutung. Diese Verbindung ist aber willkürlich. Das Wort „Hund“ verweist auf das tatsächliche Tier, aber „Hund“ hat keine „natürliche“ Verbindung zu dem Tier. Die Franzosen nennen es „chien“ und es ist trotzdem dasselbe Tier. Für de Saussure sind Zeichen ausschließlich linguistische Symbole (Wörter). (Chandler, 2007, S.14ff.).

Der pragmatische Ansatz von Peirce, eines amerikanischen Philosophen, Physiker und Mathematikers, nimmt an, man könne die Bedeutung jedes Zeichens aus dem Kontext heraus erkennen. Im Gegensatz zu Saussure beschränkt Peirce den Begriff Zeichen nicht auf Sprache. (Chandler, 2007. S.29ff.) Wittgenstein hat aber schon festgestellt, dass die Welt des Menschen durch das begrenzt wird, was er denken kann. Und denken kann er nur, was er in Worte fassen kann. Saussure glaubt nicht, dass die Bedeutung von Wörtern allein durch den Kontext bestimmbar ist. Für ihn gibt es immer auch mitschwingende Bedeutungen, sogenannte Konnotationen, die von Rezipienten des Textes nicht unbedingt wahrgenommen werden. Ja, die nicht einmal vom Urheber des Textes bewusst gesetzt wurden.

Die Psychoanalyse glaubt, man könne das Unbewusste durch den Text ergründen. Dabei spielt eben die vordergründige Bedeutung, die rationalisierte Aussage, die wichtigste Rolle, sondern Wortwahl, Tonhöhe, Pausen und Grammatik. Eine komplizierte Grammatik lässt den Rückschluss zu, dass das der Text im Widerspruch zum Unbewussten steht und es deshalb dem Urheber schwerfällt ihn kohärent zu formulieren. Pausen, veränderte Tonhöhe und plötzlich unverständliche Aussprache zeigen dem Analytiker bei der freien Rede (also einem improvisierten Text), dass hier etwas angesprochen wird, das heikel für das Unbewusste ist.

Die Wortwahl ist aber der wichtigste Verweis auf die Bedeutung, die aus dem Unbewussten aufstieg und durch Abwehrmechanismen unterdrückt wurde. Wenn sich zwei (männliche) Freunde treffen und der eine weiß, dass der andere eine neue Beziehung begonnen hat, so fragt er vielleicht flapsig: „Was macht deine neue Freundin?“. Die Beziehung ist aber bereits wieder beendet. Der andere kann also antworten: „Ich habe Schluss gemacht. Sie hat mich nicht verstanden.“ Für Peirce wäre es im Kontext gleichbedeutend, wenn er sagen würde: „Ich habe Schluss gemacht. Ich bin (mit meinen Ideen) bei ihr nicht durchgedrungen.“

Für Saussurianer bestehen aber unterschiedliche Konnotationen. Psychoanalytisch gesehen weist die zweite Formulierung (durchgedrungen) auf sexuelle Konnotationen hin. Möglicherweise gab es keinen Sex. Das Verb „durchdringen“ ist dem Verb „eindringen“ ähnlich. Die erste Formulierung könnte man als neutral auffassen, aber man könnte auch versuchen sie psychoanalytisch zu hinterfragen. Das ist ohne weiteren Kontext nicht so einfach. Das Wort „verstanden“ könnte so interpretiert werden, dass der Sprecher sich selbst als intelligent ansieht, der Freundin aber den Verstand abspricht. Sie hat mich nicht verstanden, weil sie nicht intelligent genug ist. Wenn man nach ähnlichen Wörtern sucht, könnte man natürlich auch hier eine sexuelle Konnotation unterstellen. In Verstehen kommt das Wort „Stehen“ vor, also könnte man den Satz „Sie hat mich nicht verstanden“ interpretieren als „Wir haben Schluss gemacht, weil ich im Bett versagt habe. Er hat nicht gestanden. Ich habe keine Erektion bekommen.“ Das mag eine gewagte Interpretation sein, aber die Psychoanalyse glaubt (und da im Besonderen die Anhänger Lacans), dass das Unbewusste irrational ist und somit nur durch irrationale Methoden ergründet werden kann (Frosh, 1994). Eine Annahme, die der pragmatischen Schule der Peircianer völlig fremd ist.

Ein künstliches System, welches solche Konnotationen erkennen und darstellen will, muss zwangsläufig auf ein Lexikon dieser möglichen Bedeutungen zugreifen. Intelligenz wird hier wieder einmal nur vorgetäuscht. Ein künstliches System, welches wirklich intelligent wäre, müsste nach meiner Auffassung nicht nur eine logische Inferenzmaschine sein, sondern müsste auch Intuition beeinhalten; kurzum das System müsste auch einen bedeutenden irrationalen Teil besitzen. Wer will aber schon irrationale Systeme bauen?

Quellen

Chandler, D. (2007) Semiotics – the basics (2nd Edition), London:Routledge

Frosh, S (1994) Sexual Difference – Masculinity & Psychoanalysis, London:Routledge

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