Und der Mensch verändert sich doch

Dezember 20, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Kritiker behaupten Psychoanalyse sei esoterisch. Und in der Tat geht die Psychoanalyse von Prämissen aus, die sich nicht beweisen lassen. Das ist aber nicht unbedingt esoterisch sondern gang und gäbe bei hermeneutischen Theorien. Schaut auf den Objektbeziehungszweig der Psychoanalyse, der sich nach Freuds Tod in England entwickelt hat, so muss man feststellen, dass sich dort zwei verfeindete Lager gebildet haben, die von diametral unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen.

Winnicott und die Deterministen

Das erste Lager ist das von Winnicott und Ainsworth begründete Feld der Bindungstheorie. Die Bindungstheorektiker haben im krassen Gegensatz zu Freud, dass der Mensch rein und gut in diese Welt geboren wird. Aggression entwickelt sich nur durch fehlerhafte Erziehung, insbesondere durch Fehler, die die primäre Bezugsperson ( meist die Mutter) in den ersten Lebensmonaten macht (Renn in Harding, 2006). Kann das Kind keine sichere Bindung zur Mutter bilden, so wird es auch im späteren Leben keine Bindungen eingehen können. Diese Theorie ist stark deterministisch geprägt, auch wenn sie inzwischen von Nachfolgern etwas „aufgeweicht“ wurde. Inzwischen gesteht man auch in dieser Richtung dem Menschen ein gewisses Potenzial an Fähigkeit zur Veränderung zu.

Kleinsche Dynamik

Das andere Lager ist das von Melanie Klein begründete. Klein orientierte sich in ihrer Theorie viel enger an Freud. Sie glaubt, dass der Mensch schon im Mutterleib das Potenzial, alles zu werden, in sich trägt. Der Mensch ist zu keinem Zeitpunkt ein unbefleckter Engel. Die Aggression ist immer vorhanden (Segal, 1995). Im menschlichen Geist liefern sich zeitlebens der Todestrieb und der Lebenstrieb einen Zweikampf. Sind sie im Gleichgewicht – ist also der Todestrieb durch Liebe gebunden – so kann der Mensch als physisch im Gleichgewicht gelten. Überwiegt der Todestrieb, so wirkt er nach außen als Aggression oder nach innen als Depression. Die Aggression ist aber nicht per se schlecht, sondern zum Leben nötig. Ohne Aggression fehlt dem Menschen der Antrieb. Schließlich war der Mensch auch einmal Jäger. Um Tiere zu jagen und schließlich zu töten braucht es eine gewisse Aggression.

Aggression ist auch für den künstlerischen Ausdruck nötig. Ohne Aggression kann kein Kunstwerk entstehen. Stokes (1965) schreibt: „I believe that in the creation of art there exists a preliminary element of acting out of aggression…„ Alle Kunst, die ohne Aggression entsteht ist bedeutungslos und austauschbar. Man sieht das zum Beispiel an vielen Stücken der sogenannten New-Age-Musik. Es ist eben nicht wirklich Kunst.

Gleichsam ist Kunst ein Heilmittel gegen Aggression. Sie bindet die vom Todestrieb ausgehende negative Kraft durch Liebe. Kunst hat ja immer etwas mit Schöpfung zu tun. Es ist also eine Ausdrucksform, die ihre Wurzel im Lebenstrieb hat. Das Spiel der psychodynamischen Kräfte reisst den Menschen hin und her. Es wühlt den Menschen auf und verunsichert ihn, aber aus dem Zusammenprall von Lebens- und Todestrieb entsteht die Kunst. Je heftiger der Aufprall, umso stärker ist die künstlerische Aussage. Über Charlie Parker, der als der vielleicht größte Jazz-Saxofonist aller Zeiten gilt, schrieb die American Record Review 1947: „Yardbird Parker has got something but whatever it is (and I’m not at all sure) I don’t want it.“ Er brauchte jedenfalls Alkohol und Heroin, um den Widerstreit der psychodynamischen Kräfte zu ertragen und diese trügerischen Helferlein brachten ihn viel zu früh ins Grab.

Für Klein ist das künstlerische Handeln immer auch der Versuch, etwas was der Todestrieb angestellt hat, wiedergutzumachen (Stokes, 1965). Der Mensch leidet unter dem, was seine Aggression an Schaden angerichtet hat und will nun als Gegenpol etwas Gutes schaffen.

Für Klein ist das Unbewusste nicht statisch. Durch Projektion und Introjektion verändert sich das Unbewusste ständig. Daher spielt es eine Rolle in welcher Umgebung man seine Lebenszeit verbringt. Sitzt man ein Jahr nur vor der Spielekonsole und spielt Ego-Shooter hat das einen anderen Effekt auf die Psyche, als wenn man das Jahr in einem buddhistischen Kloster verbringt. Das heißt allerdings nicht, dass jeder Mensch der Ballerspiele spielt, zwangsläufig zum Psychokiller wird. Allerdings sollte man darauf achten, dass man nicht zu viel Zeit in physisch belastenden Umgebungen verbringt. Einen Job, der als belastend und bedrückend angesehen wird, sollte man ziemlich zügig hinter sich lassen. Die negative Atmosphäre wirkt auf die eigene Psyche. Genauso hat eine positive Umgebung den umgekehrten Einfluss. Somit können auch frühe Traumata zu einem gewissen Grad überwunden werden. Allerdings darf man nicht vor ihnen fliehen, wie es Techniken wie die neurolinguistische Programmierung verlangen, sondern der Mensch muss im Gegenteil mit seinen Ängsten konfrontiert werden, damit diese ins Bewusstsein transportiert werden. Dieser Prozess ist aber schwierig und mühsam.

Bion und die Psyche als mathematische Formel

Wilfred Bion, der zwar in der Tradition von Melanie Klein stand, aber als eigenständiger Denker gilt, hat Kleins Theorie nochmals entscheidend verändert. Er fügt einen dritten grundlegenden Trieb hinzu. Zum Lebenstrieb L (Love) und dem Todestrieb H (Hate) kommt der Wissenstrieb K ( Knowledge). Für mich macht diese Dreiteilung wenig Sinn. Sicher strebt der Mensch danach sein Wissen zu vergrößern, aber ist das nicht eine Unterfunktion des Lebenstriebs? Um am Leben zu bleiben, seine Lebensumstände zu verbessern und um zu begreifen, was dieses Leben eigentlich ist, sucht der Mensch Wissen. Das sehe ich nicht als auf einer Ebene mit den zwei Urtrieben stehend an. Dann müsste man den Drang, sich künstlerisch zu betätigen, auch als primären Trieb aufführen. Wissens- und Kunsttrieb haben für mich ihre Wurzeln im Lebenstrieb, sind aber auch beeinflusst vom Todestrieb. Schließlich kann man Wissen auch missbrauchen. Bion spricht auch von -K, der Ignoranz, die sich auch in einen Trieb verwandeln kann, der aktiv versucht, Wissen zu vernichten. Ich sehe nicht wieso man +K und -K auf der primären Ebene einbauen muss.

Schließlich sprechen alle wichtigen Religionen von einem Dualismus der Kräfte. Gut und Böse. Schwarz und Weiß. Gott und Teufel. Yin und Yang. Wenn man wie im Daoismus, diese beiden Kräfte nicht als Gegensätze sieht, sondern feststellt das die eine, die andere enthält und dass ihre Beziehung zueinander einer ständigen Änderung des Kräfteverhältnis unterworfen ist, glaube ich, kommt man einer Erklärung, was uns innerlich antreibt sehr nahe. Und dann sind wir auch schon wieder im esoterischen Bereich.

Quellen

Harding, C (ed) (2006) Aggression and Destructiveness – Psychoanalytic Perspectives London:Routledge

Segal, H. (1995) „From Hiroshima to the Gulf War and after: a psychoanalytic perspective“ in Elliott, A. & Frosh, S. (eds.) Psychoanalysis in Context, London:Routledge

Stokes, A (1965) „The invitation in art“ in Grosso, S. (ed) Psychoanalysis and Art: Kleinian Perspectives (2004), London:Karnac

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