Die Impotenz des Alten Meßplatzes

November 27, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Neuerdings hat sich durchgesetzt, dass Grünstreifen mit unbehauenen Felsbrocken vor aufdringlichen Parkern geschützt werden. Wer kam auf die Idee? Waren die Betonpoller nicht sexy genug? Wenn ich die Reihe von Felsblöcken an unserer Ausfallstraße sehe, – dahin gesetzt nur um alkoholkranke Bürger vom Parken gegenüber der Tankstelle zu hindern – dann muss ich daran denken, was wohl Archäologen in zweitausend Jahren dazu einfallen wird. Warum haben die Menschen Felsen aus dem Gebirge in die Ebene geschleppt, um sie dort in Reih und Glied anzuordnen. Die Antwort darauf, fällt nicht schwer. Es müssen religiöse Zeremonien gewesen seien, die die Menschen zu einem solch vordergründig sinnlosen Unterfangen getrieben haben. Ich sehe sie jetzt auch vor meinem inneren Auge: die Priester wie sie würdevoll die Steinreihe abschreiten und dabei heilige Psalme rezitieren. Die Gläubigen, in Lendenschürzen trotz der Kälte, auf aufgeschundeten Knien kriechend, den Blick hoffnungsvoll nach oben gewandt, dem Himmel zu. Und doch so falsch. Die Gläubigen richten ihren Blick eher auf die Spirituosenregale der Tankstelle, die als Institution wohl eher den Rang einer Kultstätte einnimmt.

Und doch müssen wir uns nochmals fragen: warum unbehauene Felsbrocken? Ich denke, wir haben es hier mit einer Regression in die Analphase beim Stadtplaner zu tun. Die Felsbrocken symbolisieren Ausscheidungen des Planers. Er will mit seinen Fäkalien die Grünfläche vergiften und so unbenutzbar für andere Menschen machen. Das gilt natürlich nicht für die Stadtverwaltung unserer kleinen Stadt. Die haben noch nie so etwas Originelles wie eine Regression durchlebt. Die machen nur nach, was andere erdacht haben.

Wenn das Werk Einblick in die Seele des Künstlers gibt, so wird ein öffentlicher Platz zu einem besonders interessanten Studienobjekt, wenn er von einem berühmten Architekten visioniert wurde. So ein Platz ist der Alte Meßplatz in Mannheim. Erschreckendes tritt da zu Tage bei intensiverer Beobachtung. Zunächst fallen einmal die Fontänen in der linken, vorderen Hälfte (von der Neckarbrücke aus gesehen) auf. Fontänen sind immer Potenzsymbole. Der Penis spritzt ja nicht nur Urin auf den Toilettenrand, sondern er ejakuliert auch Sperma. Gegenüber dieser kleinen Spritzer erhebt sich das Platzhaus; ein Bistro, das dadurch auffällt, dass es über einen überaus sinnlosen Durchbruch verfügt. Dieser klaffende Spalt im Gebäude ist unschwer als Vaginasymbol zu erkennen. Zwischen den Fontänen und der Öffnung liegt ein leerer, mit Steinplatten versiegelter Platz. Die Fontänen erheben sich kaum über den Boden. Niemals können sie die Distanz bis zum Platzhaus überwinden. So sehr sie sich auch abmühen, ihr Strahl findet die Spalte nicht.

Wenn man nun Platzhaus oder Fontänen von der Alten Feuerwache erreichen will, muss man über ein unbetoniertes Feld gehen. Schmutziger Lehm klebt einem bei feuchtem Wetter an den Schuhen. Ein Verweis darauf wie schmutzig Sex doch ist. Noch dazu, wenn man bedenkt, wie vergeblich die Bemühungen der kleinen Fontänen sind. Doch all dieser Schmutz wird schonungslos voyeuristischen Blicken ausgesetzt und an die Öffentlichkeit gezerrt durch die über dem Platz thronenden Flutlichter an ihren Masten. Sie geben der Szene etwas surreales. Wenn man nun weiß, dass am Alten Messplatz die Mittelstraße beginnt, die sich von hier kerzengerade bis zum Sperrbezirk erstreckt, erkennt man die wahre visionäre Größe der Mannheimer Planer, die dieses Kunstwerk verwirklicht haben.

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