Zurück auf Los

November 14, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Text gibt immer Auskunft über das Unbewusste des Autors. Anzunehmen, dass jedes noch so winzige Teilchen des Textes von Belang für unsere Analyse sind, ist laut Stephen Frosh (1994) eine der Kernprinzipien der Psychoanalyse. Wobei der Autor natürlich nicht nur aus unbewussten Quellen schöpft. Nein, zum Teil ist das Werk auch rational. Der Text ist in unterschiedlichem Maße geplant und mehr oder weniger auf ein vom Autor anzipiertes Publikum ausgerichtet. Ein Fachartikel ist sicher weniger vom Unbewussten gesteuert als ein literarischer Text. Aber zwischen den Zeilen lugt auch beim sachlichen Artikel das Irrationale hervor.

Gerade im literarischen Text erfahren wir aber sehr viel über den Autor. Wobei ich nicht glaube, dass die hohe Literatur mehr Auskunft über den Autor gibt, als die sogenannte Schundliteratur. Gerade letztere liefert mit ihren holzschnittartigen Charakteren einen tiefen Einblick in die Psyche des Künstlers.Der Autor könnte auch sehr viel über sich erfahren, wenn er sich denn die Mühe machen würde, seinen Text zu analysieren. Nicht jeder Autor macht dies.

Mancher Autor schleppt diese unbewussten Probleme über Jahre, Jahrzehnte oder sogar sein ganzes Leben mit sich herum. Das sagt uns, dass er seine Texte nicht analysiert hat. Die Ängste und Phantasien, die zwischen den Zeilen zum Ausdruck kamen, wurden vom Autor nicht gedeutet und nicht mittels Semantik gebunden. Was für den aufmerksamen Leser offenbar war, ist vom Autor nicht erkannt worden. Wenn die Texte nur getrieben sind von den unbewussten Problemen, aber diese lodernden Energien nicht ins Bewusstsein geholt werden, kann es keinen psychischen Fortschritt geben. Man muss die psychodynamischen Kräfte in Worte übersetzen; Worte, die unzweifelhaft die Probleme aufzeigen.

Regression

Regression –  Begriff aus der Psychoanalyse für einen Rückfall in Verhaltensweisen, die einer vorangegangenen  Entwicklungsstufe entsprechen und i. d. R. mit weniger Anforderungen verbunden sind.

Großes Wörterbuch Psychologie (2007)

Schreibt ein Autor z.B. Werke mit deutlichem masochistischem Unterton, und bleibt der über lange Zeit konstant erhalten, so manifestierte sich diese Botschaft aus dem Unbewussten des Künstlers zwar im Text, blieb aber trotzdem von ihm unerkannt. Erst wenn der Autor sich des Hilferufes aus dem Unbewussten bewusst macht, schafft er es den psychodynamischen Knoten zum Platzen zu bringen.

Masochismus gilt in der psychoanalytischen Theorie als Regression in die schizoid-paranoide Position. Melanie Klein glaubt, dass jedes Kleinkind zuerst durch eine paranoid-schizoidee Phase gehen muss, bevor es über die depressive Phase in eine Phase mit gesunden Objektbeziehungen kommt. Warum nannte sie diese frühe Phase, die normalerweise in den ersten sechs Lebensmonaten durchlebt wird, so? Nun, das Baby fühlt sich allmächtig. Es ist ein Gott. Es muss erst erkennen, dass die Mutter ein externes, von ihm getrenntes, Wesen ist. Oder wie Klein es ausdrückt, ein externes Objekt. Nun muss das Kleinkind die Erfahrung verkraften, dass es abhängig von diesem externen Objekt ist. Das Objekt lässt sich nicht beliebig manipulieren. Wenn es sich von dem externen Objekt im Stich gelassen fühlt, entstehen Ängste, die in einem Fixierungspunkt markiert werden. Erfährt das Baby sogar Gewalt von Mutter oder Vater in dieser Phase, so ist ein Steckenbleiben in dieser Phase wahrscheinlich und damit eine spätere Psychose. Bei Stresssituation im späteren Leben, die zu einer gefühlten Überforderung führen, setzt dann eine Regression ein. Das ist ein Rückfall in eine frühere, durch Fixierungspunkt markierte, Entwicklungsphase. Bei Menschen, die Fixierungspunkte in der paranoid-schizoide Position haben, ist ein Rückfall in diese Phase möglich. Masochismus und Sadismus gelten als dieser Phase zugehörig.

Die Überforderung bringt Ängste aus dem Unbewussten nach oben.  Aus unbewusster Angst entsteht Aggression (Heimann, P. & Isaacs, S. 1952). Die Regression zum Fixierungspunkt ist teilweise zumindest eine Abwehrreaktion gegen diese Angst.  Aggression kann entweder nach außen oder nach innen gelenkt werden. Ruszcynski (2006) denkt, dass Aggression, wenn sie sexualisiert wird, im ersteren Fall sich als Sadismus, im zweiten Fall als Masochismus äußert. Beide Positionen suchen Trennung zu überwinden, d.h. sie sind getrieben von der Angst vor Getrenntsein und Abhängigkeit.

Nur nicht steckenbleiben

Ein temporäre Rückfall in die paranoid-schizoide Phase ist aber keine Psychose. Nur ein Hängenbleiben in dieser Position wäre kritisch. Stoller glaubt an eine Universalität dieser Perversionen (Stoller in Chodorow 1994, S. 48). Es muss also versucht werden, schnellstmöglich aus dieser Position wieder in eine „normale“, erwachsene Objektbeziehungssituation zu kommen. Das geht meiner Ansicht nach nur, durch die Bewusstmachung der unbewussten Ängste. Ich habe nichts gegen die BDSM-Szene. Ich stehe dem sehr liberal gegenüber, aber psychoanalytisch gesehen, ist es problematisch, wenn man diese unbewussten Phantasien auslebt. Das mag zwar besser sein, als sie zu unterdrücken, aber jede Umsetzung einer Phantasie in reale Aktion lässt ein schales Gefühl zurück. Die Phantasie ist immer stärker als die Realität. Was so begehrenswert erschien, bleibt bei der Ausübung blass und lässt die Agierenden noch unbefriedigter zurück. Und in der Ausübung liegt auch die Gefahr der Einübung gewisser Verhaltensmuster, die doch überwunden werden sollten. Nur die Ausformulierung der Phantasien kann sie bannen – nämlich durch Semantik.

Man sieht das auch, dass Leute, die in der BDSM-Szene aktiv sind, bleiben auch über Jahre oder Jahrzehnte in der Szene aktiv.Nur auf der semantischen Ebene kann man diese Wünsche befrieden und damit die psychodynamischen Kräfte, die sie hervorgebracht haben, beruhigen.  Das Gießen der Phantasie in Textform ist ja ein Vorgang der Kunst. Und Kunst ist ja auch eine Ersatzbefriedigung.

Allerdings ist auch dieser Text vom Unbewussten seines Autors unterwandert.  Und so muss ich mich fragen lassen, warum ich den Rückfall in die paranoid-schizoide Positin als alltäglich und relativ harmlos darstelle. Und warum behaupte ich, die aktive Ausübung sadomasochistischer Praktiken wäre kontraproduktiv? Vielleicht wäre ich da ja selbst gerne aktiv geworden, hatte aber einfach Angst und versuche das jetzt zu rationalisieren?  Will ich da vorbeugend etwas Peinlichem widersprechen, was mir noch niemand vorgehalten hat, das aber tun könnte? Wäre es mir peinlich, wenn ich es getan hätte?

Quellen

Chodorow, N (1994) Feminities, Masculinities, Sexualities: Freud and Beyond, Lexington:The University Press of Kentucky

Frosh, S (1994) Sexual Difference – Masculinity & Psychoanalysis, London:Routledge

Heimann, P. & Isaacs, S. (1952) „Regression“ in Klein, M., Heimann, P., Isaacs, S., and Riviere, J. (eds) Developments in Psychoanalysis; Karnac:London

Ruszcynski, S. (2006) „The problem of certain psychic realities: aggression and violence as perverse solutions“ in Harding, C (ed) (2006) Aggression and Destructiveness – Psychoanalytic Perspectives London:Routledge

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