Die gefühlte Stadt

Oktober 15, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Urban Studies sind von je her ein Grundthema der Soziologie. Angefangen hat das wohl mit Georg Simmel und seinen Eindrücken vom Berlin der Jahrtausendwende. Simmel hat maßgeblich die Chicago School of Sociology beeinflusst, deren Studien bis in die heutige Zeit bedeutsam geblieben sind. Während die Theoretiker der Chicagoer Schule das Stadtleben weitgehend als negativ angesehen haben, da es ihrer Meinung nach die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstörte, sieht man spätestens seit Castells‘ Mega-Trilogie The Rise of the Network Society, die Stadt als ein Konglomerat an, das von diversen Netzwerken durchzogen wird und sich ständig verändert. Das Problem ist, dass manche Stadtbewohner von den wichtigen Netzwerken ausgeschlossen sind. Die diversen Bevölkerungsgruppen in der Stadt schotten sich zunehmends von einander ab. Die Vielfalt, die das Stadtleben doch ausmachen sollte, droht verloren zu gehen.

Netzwerke durchziehen die Stadt

Das Leben in der Stadt gilt als „intensiver“ als das Landleben. Es bietet mehr Sinnesreize. Den Begriff “Intensität” können wir als Werkzeug benutzen um Städte zu verstehen. Aber es gibt verschiedene Formen der Intensität. Zuerst sind Intensitäten das Ergebnis aller sozialen Interaktionen aller Menschen, die sich in der Stadt begegnen. Sie werden aber auch erzeugt durch die Anhäufung von Geld und Waren. Und zuletzt entstehen sie als eine Folge der Verknüpfung der Stadt mit anderen Städten auf dem Globus. Die Idee dieser Intensität folgt aus der Annahme, dass Städte keine statischen Entitäten sind, sondern Teile eines sich fortwährend modifizierenden Netzwerks.

Aber die Stadt ist nicht nur mit anderen Städten über ein Netzwerk verbunden, auch in ihrem Innern ist sie durchzogen von Netzwerken. Diese verschiedenen Netzwerke können nebeneinander existieren ohne zuviel Notiz vom jeweilig anderen zu nehmen, aber sie können auch in Konflikt miteinander geraten. Wie wir gesehen haben, sind einige global – wie das Netzwerk der Finanzwelt – andere sind lokal, wie das Netzwerk der Obdachlosen. Globale Netzwerke gelten als mächtiger, aber sie sind nicht beschränkt auf die Finanzwelt. Als ein globales Netzwerk mit enormer ökonomischer und kultureller Kraft, wird oft das Netzwerk der Auslandschinesen beschrieben. Diese Chinesen, die ihre Heimat verlassen haben, um anderswo ihr Glück zu machen – was oftmals schon vor Generationen passierte – sind verlinkt über Verwandtschaft oder Freundschaft. Und sie halten alte chinesische Traditionen auch im fernen Ausland am Leben.

Menschen können Mitglieder in mehr als einem Netzwerk sein, aber Mitgliedschaft bedingt auch zwangsläufig Ausschluss. Von manchen Netzwerken sind manche Menschen ausgeschlossen. Aber alle sind Teil mindestens eines Netzwerks. Selbst die Obdachlosen sind nicht ohne eines. Diese Netzwerke sind allerdings nicht statisch, sie verändern sich. Der spanische Soziologe Manuel Castells denkt, dass Städte ihre Macht und Stärke aus den globalen Netzwerken, mit denen sie verbunden sind, ziehen. Für ihn liegt die Macht nicht in den Händen der Elite, sie fließt durch die Netzwerke. Wird die Verbindung unterbrochen, hat das fatale Folgen für die Stadt. Für Castells ist alles im Fluss. Er sieht die globale Stadt eher als einen ständigen Prozess statt einer statischen Entität.

Mehr als die Summe ihrer Teile

Intensitäten werden aber nicht nur durch die Zugehörigkeit zu – oder der Ausschluss von – einem Netzwerk erzeugt. Es ist die Vielfalt der sozialen Interaktionen in der Stadt, die das Stadtleben so intensiv machen. Toleranz und Anonymität können die Intensität etwas abkühlen, aber das Zusammentreffen der Extreme, für das die Städte so bekannt sind, kann Funken schlagen und soziale Spannungen entzünden.

Park, einer der Soziologen der Chicagoer Schule, sagte schon in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, dass eine Stadt mehr ist als ihre physische Form und ihre Institutionen. Für ihn war sie ein Gebilde und Ergebnis der menschlichen Eigenart, ein Geisteszustand. Das Erlebnis des Lebens in einer Stadt und des sich darin Bewegens, ist eine persönliche Erfahrung. Furcht oder Begeisterung zu fühlen, ist eine individuelle Reaktion. Das Bewerten einer Situation als gefährlich oder lustvoll basiert auf unseren Erfahrungen in der Vergangenheit. In einer unbekannten Stadt, oder einem unbekannten Stadtteil, kann leicht eine Fehlbewertung passieren, mit mitunter schlimmen Folgen. Verschiedene Teile der Stadt haben auch unterschiedliche Intensitäten. Aber Gefahr und Begeisterung sind subjektive Erfahrungen. Sie entspringen den Gefühlen des Dazugehörens oder Fremdseins.

Man kann auch sagen, dass eine Stadt einen eigenen Rhythmus hat. Oder eigene Rhythmen. Die Rhythmen werden durch das Hin und Her der Menschen in der Stadt geprägt, so wie durch ihre Gerüche und Geräusche. Es ist mehr als ein Rhythmus, da die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, verschiedene Rhythmen erzeugen. Sie stehen zu verschiedenen Tageszeiten auf, verrichten ihr Tagwerk an verschiedenen Lokalitäten, und sie verfolgen natürlich unzählige unterschiedliche Aktivitäten, aus verschiedensten Beweggründen.

Ein Gefühl des Dazugehörens

Auch solch solide und anscheinend statische Dinge wie Gebäude haben einen emotionalen Aspekt. Der französische Soziologe Lefebvre glaubte, dass sie ein Gefühl von Zugehörigkeit erwecken können. Aber wie schon gesagt, wenn es Leute gibt, die irgendwo dazugehören, dann gibt es auch welche, die nicht dazugehören. Obdachlose werden zum Beispiel im Innern einer Bank nicht gerne gesehen. Und gerade Banken zeigen ihre Macht durch ihre monumentalen Firmensitze. Der amerikanische Soziologe Sennett sagt deswegen auch, dass solche Gebäude Autorität und Machtbefugnis ausdrücken. Vielleicht kommt das ja davon, dass Menschen sich winzig und bedeutungslos fühlen neben solch einem Bauwerk. Alle Kulturen der Menschheitsgeschichte errichteten Monumentalbauten, um damit ihre Untertanen und ihre Feinde zu beeindrucken. Die 9/11-Terroristen haben auch die Türme des World Trade Centers gewählt und nicht die New York Stock Exchange, obwohl die Zerstörung von letzterer einen womöglich heftigeren Einfluss auf die USA und den Rest der Welt gehabt hätte.

Maspero, der über die trostlosen Hochhaussiedlungen des Pariser Banlieue geforscht hat, stellte selbst im berüchtigten Viertel Cité des 4000 eine Art von Zugehörigkeitsgefühl fest. Also auch heruntergekommene Wohnblocks können ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Jugendliche dieses Viertels zeigten bei ihrer Befragung durch Maspero sogar eine reichlich sentimentale Beziehung zu einer niedergerissenen Mauer, die vorher ihr Viertel vom Rest Paris abgegrenzt hatte. In Aulnay-sous-Bois, einem anderen Viertel mit üblem Leumund, erzählten ihm zwei Frauen, dass sie sich trotz den Vergewaltigungen, den Raubüberfällen und den Drogen, für die das Viertel berühmt ist, hier zu Hause fühlen. Es scheint, als ob sie sogar ein bisschen Stolz wären, in solch einer Umgebung zu überleben.

Allerdings können Gebäude nicht nur Identität erzeugen, sie können auch eine Entfremdung bewirken. Ulrich Mai beschrieb eine solche Situation für die ehemalige DDR, nachdem die Mauer gefallen war. Das Land wurde nach westlichen, kapitalistischen Grundsätzen quasi neu errichtet. Mai sagt, dass eine tiefe Identitätskrise, bis hin zu einem Verlust der Sinnesorientierung bei der Bevölkerung einsetzte. Gilsenan vergleicht das Errichten einer Moschee in Europa mit dem Wirken der Kolonialisten, die ihre Werte und Maßstäbe den Einheimischen aufoktruierten. Beides führt nach seiner Auffassung zu einer Unterbrechung von Beziehungen und bringt eingeübte Rhythmen durcheinander. Ich finde, die Erfahrung aus den Kolonien, so wie das heutige Leben in der ehemaligen DDR zeigen, dass Menschen sich recht schnell an eine neue Kultur gewöhnen. Wobei es natürlich umso schwieriger ist sich umzugewöhnen, je älter man ist.

Jeder gegen jeden

Nicht alles ist geklärt und für immer eingemauert in einer Stadt, vieles ist im Fluss. Menschen kommen und gehen, und die, die bleiben sind auch meist in Bewegung. Migranten, speziell solche mit einem fremden ethnischen Hintergrund, werden von den Behörden und der Medien argwöhnisch beäugt. Dabei kommt es oft zu Spannungen zwischen den Neuankömmlingen und den Alteingesessenen. Madon beschrieb die Anti-Tamilischen Ausschreitungen in Bangalore im Jahre 1991 und kam zu dem Schluss, dass der Quelle des Aufruhrs, die Angst der einheimischen Armen war, die Zugewanderten würden ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.

In manchen schnell wachsenden Städten, wie zum Beispiel Mexiko City sind viele der Zuwanderer Ureinwohner des Landes. Sie werden von der Armut auf dem Land in die Metropole gelockt. Und obwohl für alle Neuankömmlinge die Wahrscheinlichkeit sich in Slums am Stadtrand wiederzufinden, müssen die Indios mit besonderer Abneigung und Ablehnung rechnen.

Aber Gebiete mit prekären Wohnbedingungen müssen nicht unbedingt am Stadtrand liegen. Western hat aufgezeigt, wie die Jobs in Nordamerika mit der Mittelschicht in die Vororte gewandert sind und die Armen in den Innenstadtghettos zurückblieben. In Europa sieht die Lage allerdings anders aus. Umfangreiche Umsiedlungsaktionen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts sollten die prekären Wohnbedingungen der Armen lindern. Was als soziale Aktion gedacht war, schuf gerade diese Hochhaussiedlungen, deren Bevölkerung nun als Unterschicht wahrgenommen wird, und die als Bedrohung der Ordnung und Quelle allerlei Straftaten gilt. Maspero sprach von einer Generation, die niemals erfahren hat, was es heißt, einen richtigen Job zu haben. Mittlerweile verlassen in Berlin schon Jugendliche die Schulen, deren Väter noch nie einen richtigen Arbeitsplatz hatten. In solchen Gebieten steigt die Kriminalitätsrate und Straßengangs bieten eine neue Heimat und Identität für diejenigen, die die Gesellschaft anscheinend nicht braucht. Für Merry gibt es nur zwei Faktoren, die das Entstehen von Kriminalität begünstigen: Armut und Anonymität.

Die Kluft vergrößert sich

Viele Probleme, die wir in der Stadt heutzutage vorfinden, werden durch die wachsende Ungleichverteilung der Reichtümer in der Welt verursacht. Der ägyptische Wirtschaftswissenschaftler Ismail Serageldin hat darauf hingewiesen, dass sich nicht nur eine immer größere Kluft zwischen armen und reichen Ländern auftut, sondern sich auch die Schere innerhalb einer Nationalökonomie öffnet. Vor allem sieht er ein wachsendes Ungleichgewicht in der Entlohnung verschiedener Berufsgruppen, aber auch innerhalb der High-Tech-Berufe.

Für Sennett bildet unser Erziehungssysteme unsere Kinder und Jugendlichen für Jobs aus, die nicht mehr existieren. Wie auch Serageldin denkt er, dass die Arbeitslosigkeit strukturell und nicht zyklisch ist. Castells glaubt, der Ausschluss einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe von den mächtigen, globalen Netzwerken, sei die Wurzel des Problems. Diese gesellschaftliche Gruppe wird vom System nicht mehr gebraucht. Er nennt sie daher “strukturell irrelevante Personen”. Sennett scheint dem zuzustimmen, wenn er behauptet, dass Menschen zwar freikommen von dumpfen Routinearbeiten, aber nur, um festzustellen, dass es auch sonst nichts für sie zu tun gibt. Serageldin warnt, die Arbeitslosigkeit sei ein gesellschaftliches Pulverfass.

Welten kollidieren

Die Intensitäten einer Stadt werden also durch das Zusammentreffen von Gegensätzen verursacht: Reichtum und Armut, Wandel und Tradition, Ordnung und Chaos, Anonymität und Geselligkeit und nicht zuletzt Gemeinschaft und Unterschied. Gefühlte Intensitäten setzen sich aus Sinneseindrücken und emotionalen Erfahrungen zusammen, und nicht aus rationaler Betrachtung.

Gesellschaftliche Gruppen glauben an eine ungeheure Vielzahl von verschiedenen Werten. Sie haben vielfältige kulturelle und ethnische Hintergründe. Und wenn wir Kant und den Konstruktivisten folgen wollen, so lebt eh jede Person in ihrer eigenen Welt. Kant glaubte, Wahrnehmung wäre Schöpfung. Oder wie Schopenhauer uns Kant erklärt: Wir können das “Ding an sich” niemals wahrnehmen, sondern nur ein Phänomen, welches durch unsere Wahrnehmung erzeugt wurde. Eine Wahrnehmung der Dinge, so wie sie wirklich sind, ist unmöglich, da unser Gehirn alle eingehenden, sensorischen Signale interpretiert.

Zieht man all das in Betracht, so ist es kein Wunder das Segregation (die Trennung der einzelnen Bevölkerungsgruppen in der Stadt) ein so großes Thema ist. Da so viele Netzwerke mit so vielen verschiedenen Werten und Überzeugungen aufeinander treffen, können wir hier wirklich von verschiedenen Welten in der Stadt sprechen. Diese Welten können friedlich koexistieren, einander ignorieren so gut es geht, oder aber in Konflikt geraten. Die Idee der gefühlten Intensitäten hilft uns zu verstehen, was die treibenden Kräfte innerhalb dieser Welten sind, und so herauszufinden, was den Zusammenstoß verursachte.

Ghettoisierung

Die Menschen fürchten, was sie nicht verstehen. Sie suchen den Schutz von Gleichgesinnten und halten sich von Fremden fern. Zudem werden die Armen verstärkt als Bedrohung von den Reichen und der Mittelschicht wahrgenommen. Berichte über Verbrechen und Gewalt, die täglich von den Medien verbreitet werden, schüren diese Ängste. Auf der anderen Seite fürchtet das alteingesessene Prekariat die Konkurrenz der Neuankömmlinge. Unsere Auffassung über Missstände in unseren Städten ( und der Gesellschaft als Ganzes) ist stark von den Medien geprägt. Die Boulevardisierung der Presse und die verstärkte Marktmacht der privaten Fernsehkanäle tragen dazu bei, Ängste zu wecken und zu verstärken. Manche Medienwissenschaftler sehen das Schwarzmalen und das negative Image, welches das Prekariat dabei verpasst bekommt, als gezielte Aktion der Elite an, die so danach trachtet, den Status Quo zu erhalten.

Foucault hat sich in seinem Werk von solchen Positionen distanziert. Er glaubte nicht an die Macht in der Hand der Bourgeoisie und die Ohnmacht des Proletariats. Für ihn wirkte die Macht durch die Institutionen der Gesellschaft und deren Prozesse. Castells scheint ihm nicht so fern zu stehen, wenn er an ein Fließen der Macht durch die Netzwerke spricht.

Die Macht der Institutionen lässt sich auch am Beispiel des sogenannten “Redlining” feststellen. Hierbei ziehen Banken eine gedachte rote Linie um prekäre Wohngegenden und verweigern ihren Bewohnern Kredite. Dieser Brauch hat massive Auswirkungen auf die betroffenen Gebiete. Ohne Investitionen verkommen diese Viertel und eine Ghettoisierung ist am Ende unausweichlich. In Europa sind es hauptsächlich staatliche Stellen und Organisationen, die dem entgegen wirken.

Solche Gegenden und ihre Bewohner werden am Ende stigmatisiert. Davis berichtet von einem Gesetz in den USA, das es den Behörden sogar erlaubt, die Sozialwohnungen von Familien und Angehörige von mutmaßlichen Verbrechern räumen zu lassen. Er sieht hier Tür und Tor geöffnet für die Rückkehr der Sippenhaft. Und außerhalb ihres Ghettos sind dessen Bewohner erst recht nicht gerne gesehen. Beckett beschreibt in einem Artikel für den Indepedent On Sunday über ein neues Einkaufszentrum in Los Angeles, dessen ungeschminktes Versprechen, die (wohlsituierten) Kunden könnten dort einkaufen ohne von sogenannten “Krawallmachern” gestört zu werden. Vegara denkt, dass das negative Image der Ghettobewohner auch dadurch bestimmt wird, dass die prekären Wohngebiete kaum von Außenstehenden besucht werden.

Doch selbst Ghettos erzeugen ein gewisses Gemeinschaftsgefühl. Die Missachtung der anderen sorgt gerade für einen Zusammenhalt unter den Ausgegrenzten. Das ist eine natürliche Abwehr einer feindlichen Außenwelt. Gilroy, der die Situation im New Yorker Stadtviertel Harlem in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts studierte, stellte ein Gefühl für eine eigene schwarze Identität fest, die die von Hautfarbe und ethnischer Herkunft geprägte Identität bei weitem übertraf.

Teilzeitsegregation

Iris Marion Young, eine feministische Soziologin, plädiert für unassimiliertes Anderssein. Niemand sollte über Leute urteilen, die an andere Wert glauben. Die gesellschaftlichen Gruppen sollten frei ihre Wertvorstellung und ihren Glauben leben können. Und wir sollten andere so zu verstehen versuchen, wie sie sich selbst verstehen. Eine sehr idealistische, wenn nicht naive Idee. War Kants Idee richtig, dass eine objektive Wahrnehmung nicht möglich ist, dann ist Wahrnehmung ohne zu urteilen gänzlich utopisch. Und wie soll ich andere so verstehen, wie sie sich verstehen, verstehe ich mich doch selbst manchmal nicht. Ein russischer Arbeitskollege hat mir einmal erzählt, – um zu beweisen, wie gut Deutsche und Russen miteinander auskommen- dass er ein gemischtes Pärchen kennt, die sich perfekt verstehen würden. Ein deutscher Kollege erwiderte trocken: “Ich bin seit 30 Jahren mit einer Deutschen verheiratet, und ich habe sie immer noch nicht verstanden.” Tausende von Romanen ranken sich um die Idee der Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens – selbst wenn man sich noch so nah steht.

Es ist wohl so, dass es einen fundamentalen, nicht lösbaren Konflikt zwischen denen, die an absolute Werte glauben und jenen, für die alle Werte relativ sind, gibt. Aber wenn jede Gruppe der Gesellschaft uneingeschränkt ihre Werte leben kann, dann gibt es bald kein Gemeinwesen mehr, und Sennetts befürchteter Zusammenbruch der Gemeinschaft ist erreicht. Es muss gewisse gemeinsame Werte und Regeln geben, und sei es nur um die diversen Gruppen davon abzuhalten, sich gegenseitig zu zerfleischen und umzubringen.

Vielleicht kann Frasers Konzept der “Subaltern Publics” Abhilfe schaffen. Sie stellte sich wirkliche und metaphorische Räume vor, in denen marginalisierte Gruppen ihre Bedürfnisse artikulieren können. Segregation muss also nicht unbedingt negativ sein, wenn sie nur temporären Charakter hat. Denn wie die britische Soziologie Sophie Watson feststellte, hat jeder Mensch mehr als eine Identität und zu mehr als einer Gruppe gehört. Sie sieht die Entwicklung auch in die Richtung gehen, dass verschiedene Gruppen, ihre gruppentypischen Aktivitäten an spezifischen Orten praktizieren. So könnte ein Banker, der im Finanzzentrum der Stadt seinem Job nachgeht, sich am Abend zu einem homosexuellen Mann verwandeln, der sich in einer Schwulenbar vergnügt, und am Wochenende im Fußballstadion seine Identität als Fußballfan auslebt. Jede Lokalität wird für eine bestimmte Aktivität aufgesucht, die Segregation ist immer nur temporär. Solche geschützten Räume können Spannungen vermindern. Und solche Räume werden in Zukunft noch eher virtuell sein, als sie es heute schon sind. Bietet das Internet erst einmal volle Immersion, also das Eintauchen in die künstliche Welt und die Möglichkeit sie mit allen Sinnen erfahren, werden noch mehr dieser Räume digital sein.

Die Bevölkerung unserer Städte lebt nach immer mehr unterschiedlichen Werten und Glaubensgrundsätzen und zelebriert eine immense Vielfalt von Ritualen. Städte sind mehr als das, als was sie auf den ersten Blick erscheinen. Hinter den Mauern und Institutionen stehen unzählige von Welten. Jeder Einwohner erschafft sich seine eigene Welt. Niemand kann die eigentliche Stadt, die Stadt an sich, wahrnehmen, alle erschöpfen ihre eigene, subjektive, einmalige Stadt. Wir müssen, um zu verstehen, was die verschiedenen Gruppen antreibt, versuchen zu begreifen, dass sie die Stadt jeweils in einer anderen, eigenen Weise erleben. Das Entstehen von Gemeinschaft und das Ausgrenzen anderer Menschen ist kein rationaler Prozess. Segregation wird von Gefühlen und von irrationalen Ängsten gesteuert. Das Suchen nach Gemeinschaft ist auf der anderen Seite auch der Versuch Veränderungen und Unsicherheit abzuwehren.

Quellen

Beckett, A (1994) “Take a walk on the safe side”, independent On Sunday, 27 Februrary

Castells, M. (1977) The Urban Question, London, Edward Arnold

Castells, M. (1996) The Information Age: Economy, Society and Culture, Volume 1, The Rise Of the Network Society, Oxford, Basil Blackwell

Davis, M. (1994) “Beyond Blade Runner: urban control: the ecology of fear”, Open Magazine Pamphlet Series, Westfield, NJ.

Fraser, N. (1990) “Rethinking the public sphere: a contribution to the critique of actually existing democracy”, Social Text, vol. 25-6, pp.56-80

Gilroy, P. (1997) “Modern times” in Skipworth, J. (ed) Rhapsodies in Black: Art and the Harlem Renaissance London, The Hayward Gallery, Berkely, CA, The Institute of International Visual Arts and the University Of California Press.

Gilsenan, M.(1982) Recognizing Islam, New York, Pantheon

Madon, S (1997) ‚Information-based global economy and socio-economic development: the case of Bangalore‘, The Information Society, vol. 13, no. 3, pp. 227-43

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Maspero, F. (1994) Roissy Express: A Journey through the Paris Suburbs, London, Verso

Merry, S. E. (1981) Urban Danger: Life in a Neighbourhood of Strangers, Philadelphia, Temple University Press

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Sennett, R. (1970) The Conscience of the Eye: the Design and Social Life of Cities, London, Faber and Faber

Sennett, R. (1971) The Uses of Disorder: Personal Identity and City Life, London, Allen Lane

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Schopenhauer, A (2000/1844) “Kritik der Kantischen Philosophie” in Schopenhauer, A. Ulfig, A (ed) Hauptwerke Band 1: Die Welt als Wille und Vorstellung Köln, Parkland

Serageldin, M. I. (1997) “A decent life” Havard Design Magazine, Winter/Spring, pp. 40-1

Vergara, C.J. (1995) The new American Ghetto, New Jersey, Rutgers University Press

Watson, S. and Gibson, K. (1995) Postmodern Cities and Spaces, Oxford, Blackwell

Western, J. (1996) Outcast Cape Town (first published 1981), Berkeley, University of California Press

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