Die tausend Augen des Bösen

Oktober 8, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Für Adorno war die Unterhaltungsindustrie eine Geißel der Menschheit. Kultur hatte ernsthaft, tiefsinnig und langweilig zu sein. Ich glaube aber, dass die klischeehaften Trashfilme, die nach dem Krieg in Deutschland und England entstanden, mehr über die damalige Gesellschaft und ihren psychischen Zustand aussagen, als alle Zauberberge und Blechtrommeln zusammen. Literatur ist rückbesinnend, die B-Movies entstanden hingegen ohne allzu viel Reflektion und schöpften daher direkt aus dem Unbewussten der Macher.

Allerdings unterscheiden sich die Filme der legendären Hammer-Studios fundamental von den deutschen Filmen der Edgar-Wallace- oder Mabuse-Reihen. Die deutschen sind ernsthafter und sagen viel über die Verletzung der deutschen Seele aus. Wenn wir als Beispiel die Edgar-Wallace-Filme nehmen, so bestechen die besseren der Serie durch ihre handwerkliche Qualität, die Fähigkeiten der Drehbuchautoren, Regisseure, Kameraleute und nicht zuletzt der Schauspieler. Auch die Filme der legendären Hammer-Studios waren gut besetzt, aber sie kamen spielerischer daher.

Sicher waren die deutschen Krimis klischeehaft und ihre Charaktere holzschnittartig, aber sie sind trotzdem vorgedrungen in die Seele der deutschen Nation. Vieles, was im zweiten Weltkrieg und davor passiert war, war unsagbar. Eine Schande für die Nation, die sich als moralischer als alle anderen gefühlt hat. Eine Nation, die auf dem Humanismus eines Kants und Humboldts aufgebaut war. Jetzt standen sie da, die Söhne und Töchter der Dichter und Denker, mit blutbesudelten Armen und schauten auf das ganze Desaster herab. Da blieb nur noch Sprachlosigkeit. Und diese Sprachlosigkeit wurde verarbeitet. Man konnte allerdings das Thema nicht direkt angehen. Man konnte den Schrecken nicht benennen, aber man konnte ihn abstrakt darstellen. Und das ist genau, was in diesen Filmen passiert ist.

Das versteckte Böse, das lauernde Böse, das nicht benannt werden kann, wurde von diesen Filmen exemplarisch vermittelt. Oft waren sie in England angesiedelt auch wenn das Drehbuch nicht auf Edgar Wallace beruhte. Ein Inspektor von Scotland Yard ermittelte. Ein deutscher Polizist wäre zu plump gewesen und hätte das Publikum sofort wieder auf die expliziten Taten uniformierter Deutscher zurückgeworfen. Und die Engländer hatten ja den Ruf gerecht zu sein. Es musste ein englischer Polizist sein, der nur seinem rationalen Verstand folgt und keinerlei Vorurteile hegt. Dr. Mabuse wurde zumindest in einem Film ja auch von Scotland Yard verfolgt ( Scotland Yard jagt Dr. Mabuse, D 1963) .

Fritz Lang, legte mit „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ sogar den Grundstein für die späteren James-Bond-Filme. Aber auch hier gilt, dass die englischen Bondfilme spielerischer waren und nicht bedrohliche Atmosphäre der Nachkriegs-Mabuse-Filme besaßen. Lang zeigt in seinem Film von 1960 eine Welt, in der der Protagonist von allen Menschen belogen wird. Die Wahrheit ist scheinbar aus der Welt verschwunden. Sie kann nicht ausgedrückt werden. Die Mabuse-Filme, die in der ersten Hälfte der Sechziger Jahre entstanden, erzeugen die gleiche Atmosphäre der psychischen Angst, die auch die besseren Exemplare der Edgar-Wallace-Reihe heraufbeschwören konnte.

Frühe Nachkriegsfilme der Hammer-Studios waren oft Komödien wie „The Lady Craved Excitement“  oder „What the Butler Saw“. Erst gegen Ende der Fünfziger etablierte Hammer seinen typischen Gothic-Horror-Stil mit „The Curse of Frankenstein“.  In den Hammer-Filmen wurden unterschiedlichste Einflüsse bunt gemischt. Einflüsse aus der klassischen griechischen und italienischen Drama, gemischt mit Shakespeare, Poe und der Tradition des gotischen Gruselromans. Ein lustig aufbereiteter Brei. Da lauern keine urbösen Kräfte, die maskiert werden müssen. Da lauert nur verdrängte Sexualität.

Das Verbrechen in deutschen Filmen geschah meist in einem reichen Umfeld, in einer steifen, großbürgerlichen Atmosphäre. Auch die Steifheit und Distanziertheit hat man mit England in Verbindung gebracht. In diese sehr, sehr respektable Umgebung kommt der unbestechliche Inspektor und die Fassade bröckelt. Leichen, Korruption, Raub, Mord, Bestechung, alles das kommt zum Vorschein. Sexuelle Verfehlungen wurden damals nicht direkt angesprochen. Aber alle anderen Verbrechen lauern hinter der wohlfeilen Fassade. Sie lugen unter der Schutzschicht aus Arroganz und  Hochmut hervor. Dort, im Dunkel, wartet das Urböse, bereit zuzuschlagen. Aber auch der Inspektor dringt nicht zur Wurzel vor, auch er muss sich mit dem Symptom zufrieden geben. Da alles in England spielte, konnte sich der deutsche Zuschauer auch erleichtert geben. Wir sind nicht die einzigen, die Dreck am Stecken haben. Es passiert überall und vor allem auch – oder gerade- in den besten Familien.

Diese Filme transportierten mehr als nur den Zeitgeist, sie boten auch eine Katharsis. Sie konnten etwas verbildlichen, das man nicht aussprechen konnte. Erst die Studentenbewegung der späten Sechziger konnte Antworten fordern. Sie konnten den Finger auf die Wunde legen. Vorher ging das nicht. Man musste erst den Schutt wegräumen, das Land wieder in Schwung bringen. Die Wirtschaft ankurbeln. Alles wurde vertuscht, aber die Seele war zerstört. Der Glaube, das Bild, das sich die Deutschen, von sich selbst gemacht hatten, lag in Trümmern. Dieser Schock wurde abgefedert von diesen Filmen. Die Filme beinhalteten auch Humor, aber der Humor war ein rein intellektueller Humor. Ironie ist ja etwas, was sich auf rein intellektueller Ebene abspielt und nicht hinunter reicht in das Wesen des Menschens. Ironie wird von der Psychoanalyse als Form der Aggressivität gesehen. Es war also nicht diese spielerische Leichtigkeit, die zur gleichen Zeit die englischen Trashfilme aus den Hammer-Studios versprühten. Die deckten auch etwas auf, über das man nicht sprechen konnte. Das waren aber keine Schuldgefühle wegen grausamer Schandtaten, die im Namen des eigenen Volkes begangen worden waren, sondern verdrängte Sexualität.

Es ist ja auch entlarvend, dass Ende der Sechziger Jahre in Hammer-Produktionen auch (halb)nackte Frauen zu sehen waren. Es wurde ein Tabu gebrochen, aber dieses Tabu war immer schon das unterschwellige Thema der Studios gewesen. Das läutete auch das Ende der Hammer-Ära ein. Sobald das unterschwellige Thema an die Oberfläche gelangt war, war die Mission dieser Studios vollbracht. Filme, wie „Slave Girls“ waren schon vom Titel her, eindeutig.

Im Swinging London lösten sich die Verklemmungen. Die deutschen Krimis wahrten noch die Form. Der Kommissar und sogar noch Derrick führten diese Art der Krimis fort im ZDF. Sicher, die starre Fassade löste sich zugunsten von soziologischen Einsprengseln auf. Man wurde in den Siebzigern gesellschaftsbewusst. Gesellschaftliche Randgruppen wurden als solche wahrgenommen. Der Moment, in dem man offen über gesellschaftliche Probleme sprechen konnte und über gesellschaftliche und individuelle Schuld, war das Ende der vorgestanzten Charaktere. Das reinigende Ritual hatte auch hier seine Bestimmung vollbracht und war nun ohne weitere Bedeutung.

Die sexuellen Verklemmungen der Deutschen wurden von Oskar Kolle geheilt, aber die Leiden der deutschen Frauen (besonders im Osten) zu Ende des Krieges blieben bis in das nächste Jahrtausend unbenannt. Über die unzähligen Vergewaltigungen sprach man nicht. Viele Frauen nahmen ihr Leiden mit ins Grab. Als wenn die sexuelle Gewalt – vorrangig von den russischen Soldaten begannen – eine gerechte Strafe gewesen sei, für das Leid das die Deutschen über die Welt gebracht hatten.

In den deutschen Trashfilmen ging es allerdings auch nicht um die Taten, die andere begangen hatten, sondern um die eigene, gefühlte oder tatsächliche Schuld. Dinge, die schwer auf der Seele lagen, die aber nicht benannt werden konnten. Was man in Worte fassen kann, kann man schließlich auch verstehen. Die Gräueltaten der Nazis waren aber nicht zu verstehen. Deswegen waren diese Filme so mysteriös. Sie bereiten das Urböse in einer Trashvariante auf und abstrahierten es dadurch, so wie die katholische Kirche dies mit der Figur des Teufels über Hunderte von Jahren vorgeführt hatte. Der bekannte Kulturkritiker Georg Seeßlen schrieb: „Diese kleinen schwarz/weißen (oder besser grau/weißen) Filme karikierten aufs trefflichste die Geld- und Luxusgeilheit dieser Jahre, ihre Verdrängungsmechanismen, die stete Wiederkehr der verborgenen Nazi-Sünden bis ins dritte und vierte Glied, ihre Sehnsucht nach Kultur, die aber zugleich für diese Wirtschafts„ordnung“ nicht taugte, und vor allem ihre Angst, das alles könne, ja müsse einmal zusammenbrechen“ (Seeßlen 1986). Allerdings zeigt er zu Unrecht Adornoschen Abscheu gegenüber diesen Werken, die eben doch Kunstwerke waren und auch als solche ernst genommen werden sollten.

Diese Filme bieten also weit mehr als nur ein Einblick in die deutsche Seele jener Jahre. Sie haben etwas geschafft, was Kunstfilme niemals leisten gekonnt hatten. Sie waren Spiegel und Reinigungsritual in einem.

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