Thanatos in den Städten

September 10, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

In England wird geplündert. Autos – ja, sogar Häuser – gehen in Flammen auf. In Berlin brennen jede Nacht Autos, ohne dass eine Welle des Protests in den Straßen sichtbar wäre. In ganz Arabien ist die Jugend seit dem Frühjahr auf den Straßen und kämpft gegen ihre Despoten und deren Schergen. Letzteres wird von den Medien als gerechte Empörung dargestellt, während die Ausschreitungen in England auf die Verrohung und Verwahrlosung der Jugend zurückgeführt wird. Doch woher kommt dieses scheinbar unerschöpfliche Aggressionspotenzial?

Rationale Gewalt

Tim Jacoby (2007) greift in seinem richtungsübergreifenden Buch zur Konfliktforschung auf den alten Plato zurück. Plato sah drei Gründe für die Konflikte im Athen seiner Zeit:

a) Fehlende Gleichheit – oder anders ausgedrückt: ungleiche und vielleicht auch ungerechte Verteilung von Macht und Reichtum.

b) Frustration über die Schwäche und die Inkompetenz der Mächtigen.

c) der Wunsch selbst ein Stück vom Kuchen abzubekommen.

Alles was Plato vor 2400 Jahren festgestellt hat, klingt auch heute noch vertraut. Es scheint sich dabei um ein inhärentes Problem aller Staatsformen zu handeln, denn sie treten sowohl in unseren westlichen Demokratien auf, wie auch in den arabischen Despotenstaaten. Ist also Aggression strukturell aus bestehenden kulturellen und politischen Gegebenheiten zu erklären? Oder müssen wir doch in der Psyche der gewaltbereiten Jugendlichen forschen?

Aggression als Abwehrmechanismus des Unbewussten

Die Psychoanalytiker sind sich nicht einig darüber, ob der Aggressionstrieb angeboren oder durch traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit verursacht ist. Genauso wenig ist man einer Meinung über die Frage, ob Aggression per se etwas Schlechtes oder ob sie sogar zur Persönlichkeitsbildung nötig ist.

Die Bindungstheoretiker glauben nicht an einen angeborenen Aggressionstrieb. Renn (in Harding, 2006) sagt ganz deutlich, dass Aggression für ihn ihren Ursprung in einer traumatischen Störung der Beziehung zwischen Kleinkind und einer erwachsenen Bezugsperson ist. Für ihn ist der Weg des traumatisierten Kindes vorgezeichnet. Wer als Kind Gewalt in Form von Schlägen, sexuellem Missbrauch oder auch nur in verbaler Gestalt erfahren hat, wird später selbst gewalttätig. Zwar spielt die Umgebung und spätere Erfahrungen eine Rolle, aber das Aggressionspotenzial ist latent immer da und es bedarf nur eines Auslösers in Form einer psychischen Stresssituation um es zu aktivieren. Aggression ist für die Bindungstheoretiker ein Schutzmechanismus um die eigene Psyche zu schützen.

Meiner Meinung nach sind die Theorien der Bindungstheoretiker zu statisch. Fast scheint es sie wollten behavioristische Überzeugungen in die Psychoanalyse einbringen. Der Mensch ist aber weder eine Maschine, noch ein rational handelndes Wesen, noch ein Tier das durch traumatische Situationen für alle Ewigkeit konditioniert wird.

Der Todestrieb

Die klassische Psychoanalyse sieht den Ursprung der Aggression anders. Freud glaubte an zwei gegenläufige Triebe, die dem Menschen angeboren sind: der Lebenstrieb (Eros) und der Todestrieb (Thanatos). Die beiden Triebe arbeiten lebenslang gegeneinander und erzeugen so die seltsame Irrationalität, die wir in den Handlungen aller Menschen erkennen können (Mertens & Waldvogel, 2008). Aggression ist für Freud eine Reaktion auf den Verlust einer Beziehung zu einer geliebten oder gehassten Person oder auf einen emotionalen Verlust zum Beispiel durch eine narzisstische Kränkung, die dem Selbst zugefügt wird (Harding, 2006)

Der Todestrieb kann nach innen oder nach außen gerichtet wirken. Ist er nach innen gerichtet, so zeigt er sich als Depression, Drogen- und Medikamentenmissbrauch, Selbstverletzung oder – wenn er sexualisiert wird – als Masochismus. Ist er nach außen gerichtet äußert er sich in verbalen, phantasierten oder physischen Attacken auf andere Menschen oder Objekte. Auch Ironie ist eine Form der Aggression. In seiner sexualisierten Variante kommt er als Sadismus daher. Wobei die Zielrichtung des Todestriebs nicht festgeschrieben ist, sondern raschen Wechseln unterliegen kann. Bei Frauen äußert er sich häufiger selbstzerstörerisch.

Für Kleinianer ist er nicht per se schlecht. Im Gegenteil, er ist nötig damit sich das Kleinkind zum Individuum entwickeln kann, und er ist auch nötig, damit Heranwachsende sich von ihren Eltern abnabeln können. Laut Parsons (in Harding 2006) sehen sich Pubertierende als der Elterngeneration überlegen an. Sie glauben, dass diese die Probleme der Welt nicht mit dem nötigen Nachdruck lösen wollen. Es ist also normal und gesund für Jugendliche, dass sie ihre Aggression in die Beschäftigung mit den Problemen der Welt einbringen.

Aggression kann sublimiert und in kreative Prozesse umgelenkt werden oder in sportliche Aktivitäten fließen. Es kann aber auch eine Übertragung der Aggression auf jemanden oder etwas, der oder das für den aggressiven Menschen, das eigentliche Ziel widerspiegelt, stattfinden. Bei einer neurotischen Verschiebung hingegen ist jedes beliebige Objekt Zielscheibe des Hasses (Jacoby, 2007).

Todestrieb und Lebenstrieb müssen im Gleichgewicht sein. Oder anders ausgedrückt: der Todestrieb muss durch Liebe gebunden sein (Parsons in Harding 2006). Kleimberg glaubt, dass Kreativität und Phantasie den Todestrieb bändigen und ihn in etwas lebensgebendes umwandeln können. Fonagy und Target sehen Gewalt als Produkt eines Menschen, der den Todestrieb nicht mentalisieren kann. Die Überführung der Aggression in Sprache und Symbole ist auch für Parsons alles entscheidend.

Ich denke, dass Kunst ohne Aggressivität gar nicht vorstellbar ist. Ohne Thanatos‘ zerstörerische Kraft wird Kunst beliebig und oberflächlich. Nur mit Liebe allein, kann kein Kunstwerk entstehen. Die dunkle Seite muss zwingend vorhanden sein, um dem Werk seine Relevanz zu geben.

Um Gewalt zu verhindern, muss also die Kreativität und Phantasie von Kindern gefördert werden. Und dazu muss die Förderung der sprachlichen Fähigkeiten hohe Priorität haben. Sprache ist wichtig um Reflektieren zu können. Und Reflektieren wird in der westlichen Welt nicht ernst genug genommen. Vielleicht fehlen uns tatsächlich Ingenieure und Programmierer, aber die Geisteswissenschaften müssen wieder auf ihren Thron zurückgebracht werden. Ohne Sprache ist der Mensch nur ein Tier.

Quellen

Harding, C (ed) (2006) Aggression and Destructiveness – Psychoanalytic Perspectives London:Routledge

Jacoby, T. (2007) Understanding Conflict and Violence: Theoretical and Interdisciplinary Approaches London:Routledge

Mertens, W. und Waldvogel, B (Hrsg.) (2008) Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe (3. Aufl.) Stuttgart:Kohlhammer

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