Wo der Junker seinen Caffe Latte trinkt

August 14, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Zeit von Beginn der Industrialisierung bis in die Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts war geprägt von der Flucht der Besserverdienenden an die Peripherie der Städte. Der Vorstadtbürger wurde und wird verlacht als einfältig, durchschnittlich und sei durch eine weitgehende Homogenität in Aussehen, Gefühlen und Aktivitäten zu erkennen. 1964 wollte Ruth Glass einen umgekehrten Trend in London wahrgenommen haben: die Rückkehr der Mittelschicht in die heruntergekommenen Innenstadtbezirke. Sie nannte dies Gentrifizierung,

Ungeliebte Mittelschicht

Die Mittelschicht kann es den Soziologen offenbar einfach nicht recht machen. Erst wurde sie kritisiert und karikiert für ihre Flucht in die Vorstädte, nun wird sie an den Pranger gestellt für ihre Rückkehr in die Innenstädte. Beides Mal war sie einem Ideal hinterhergelaufen – dem Traum von einem besseren Leben.

Bis in die Siebziger des letzten Jahrhunderts bestand der Traum von einem Haus oder wenigstens einer Wohnung im Grünen. Der Arbeitsplatz musste dennoch erreichbar bleiben. Die Vorstädte versprachen beides. Frische Luft, hygienische, moderne Behausungen und Freiraum für die Kinder. Es ging darum dem Schmutz, Lärm und der Enge der Stadt zu entfliehen und trotzdem nicht von Arbeitsplatz und Annehmlichkeiten der Metropolis abgeschnitten zu sein. Für die selbsternannte Intelligentsia galten sie als roboterähnliche Wesen ohne eigene Gedanken und nur oberflächliche Gefühle. Yates (1961) lässt seinen Helden im Roman Revolutionary Road sagen: „Nobody thinks or feels or cares any more; nobody gets excited or believes in anything except their own comfortable little God damn mediocrity“. Das war natürlich nur die Überheblichkeit einer selbsternannten akademischen Oberschicht (oft selbst noch Schüler oder Studenten) gegenüber dem Heer der Angestellten, die nach der Ansicht der „Denker“ weder geistig noch körperlich arbeiteten. Cheever stellte das in seinem Roman Bullet Park richtig: „Seen at an improbable distance by some zealous and vengeful adolescent, ranging over the golf links, the piece of plush would seem to be the imprimatur, the guerdon, the accolade and banner of Powder Hill behind which marched, in tight English shoes, the legions of wife-swapping, Jew-baiting, booze-fighting spiritual bankrupts. [] But the adoslescent, as adolescents always are, would be mistaken“ (Cheever, 1969).

Mit der 68er Bewegung änderte sich die Einstellung zur Stadt. Die Bewegung war aber durchaus gespalten. Eine Hälfte sehnte sich zurück zur Natur, wollte komplett ausbrechen aus dem industriellen, technologischen Sklavenleben und sich von eigenen Scholle ernähren, wie es die unsere Vorfahren getan haben. Allerdings mussten die meisten weit in ihrer Vergangenheit graben, um solche Vorfahren zu finden, denn ihre Eltern stammten meist aus dem akademischen Milieu.

Die andere Hälfte der Bewegung – und das ist die, die uns hier interessiert – besetzte leerstehende Wohnblocks und gründete Wohngemeinschaften. Da diese meist studentischen Bewohner wenig Geld besaßen, boten sich für legal gemietete Behausungen, Wohnungen in schlechten, aber billigen Innenstadtwohngegenden an. So infiltrierten sie die Bezirke, die ihre Eltern unter großen Anstrengungen verlassen hatten. Sie waren die Vorhut der sogenannten Gentrifizierer. Mit den studentischen Bewohner zog auch eine Untergrundkultur ein in die Arbeiterklassebezirke. Kneipen, Theater, Musikklubs und auch Ateliers entstanden.

Nach Ende des Studiums und nachdem sie zu Geld gekommen waren, wollten sie diese Kultur nicht missen, aber ihre Anforderungen an den Wohnraum ändern sich dennoch. Sie modernisierten ihre Wohnungen und erhöhten damit den Marktpreis. Andere Besserverdienende folgten dem Lockruf der Boheme. Erst nun erkannten geschäftsmäßige Immobilienhändler und Spekulanten das Potenzial und stiegen groß ein.

Uneinige Soziologen

Der Begriff „Gentrification“ ist nichts wenn nicht zynisch. Als Gentry bezeichnet man im Englischen den niederen Landadel. Die Mittelschicht, die zurück in die Innenstädte zog, und – so geht die Sage – den Arbeiter ihre Bleibe klauten, waren nun alles andere als adlig. Wie ich oben ausgeführt habe, waren die ersten die in die Städte zurückkamen, sogar politisch links gestimmt und wollten die Viertel, in die sie zogen, nicht bewusst verändern. Aber Veränderung passiert zwangsläufig – immer und überall. Später rochen Geschäftemacher Rendite und stiegen ein. Mike Davis berichtet davon wie christlichen Obdachlosenasylen Geld geboten wurden, wenn sie aus dem Viertel wegzögen (Davis, 2002). Andere Soziologen gehen in ihrer Verdammung der angeblichen Gentrifizierung viel weiter. Hagedorn vergleicht die Vertreibung von schwarzen und dunkelhäutigen Menschen aus Innenstadtwohngegenden Chicagos mit der ethnischen Säuberung in Bosnien (Hagedorn, 2008). Das Problem der meisten marxistischen Soziologen ist die Tatsache, dass sie sich nicht bewusst sind, dass die Realität, die sie beschreiben nur eine Konstruktion ihres Geistes ist und sie nicht relativieren können zwischen dem realen Vorgang des Bewohnerwechsels und der Bedeutung, die sie ihm zuweisen.

Dabei ist selbst bei Soziologen, die den Begriff „Gentrifizierung“ gerne und oft benutzen, dessen genaue Definition unklar. Clark (in Atkinson & Bridge, 2005) behauptet, dass jeder Vorgang, in dem Personen einer höheren sozio-ökonomischen Schicht den Wohnraum von schlechter gestellten übernehmen, Gentrifizierung ist, sofern er einhergeht mit einer Veränderung der Wohnsubstanz durch Investition von Kapital. Petsimeris (in Atkinson & Bridge, 2005) meint dazu süffisant: „To some extent every painting of a facade, every bar selling Illy coffee or increases in the number of white-collar workers was often seen as gentrification without an debate about what these changes really constituted.“ Clark schert vier verschiedene Prozesse über einen Kamm: die Renovierung von alten Gebäuden durch die neuen, bürgerlichen Besitzer, die Renovierung durch Investoren, den Abriss der Gebäude und Neubau sowie die Umwandlung von Wohnraum zur kommerzielle Nutzung. Lateinamerikanische Soziologen wie Silvana Rubino (in Atkinson & Bridge, 2005) nennen den Abriss und Neubau von Gebäuden sogar „kreative Zerstörung“. Sie sieht diesen Prozess als fest verankert in der brasilianischen Tradition der Stadterneuerung, was vielleicht auch damit erklärt werden kann, dass die Stadtzentren in der neuen Welt nicht das Alter ihrer europäischen Gegenstücke haben.

Was den Beginn des Prozess angeht, da sind sich Clark und Petsimeris überraschenderweise einig. Clark schreibt:“Holding on to the story about gentrification’s origins in postwar London is grounded in convention, not critical thought.“ Petsimeris bemerkt schon im Florenz der Renaissance Gentrifizierung-Tendenzen.

Städte verändern sich. Käme die Wandlung zum Stillstand, wäre die Stadt tot. Und das gilt natürlich nicht nur für Städte sondern auch für Menschen und soziale Systeme. Die Aufgabe der Politik kann es nicht sein, Gentrifizierung zu stoppen ( was sie eh nicht kann), sondern dafür zu sorgen, dass es keine schreiende Ungleichverteilung des Einkommens in der Gesellschaft gibt. Langjährige Mieter können darüber hinaus durch Gesetze vor ihrer Vertreibung geschützt werden. Da, wo Entschädigungen und neue Wohnungen angeboten wurden, sind es oft nur die Soziologen die empört sind über das „Abschieben“ der alten Bewohner, während diese das Geld oft gerne annehmen. Viele Menschen wechseln ihre Wohnung und auch den Wohnort heutzutage freiwillig. Die Umsiedlung von Bewohnern, wenn sie denn ohne Gewalt und Zwang vor sich geht, mit der ethnischen Säuberung auf dem Balkan gleichzusetzen ist infam.

Quellen

Atkinson, R. & Bridge,G. (eds) (2005) Gentrification in a Global Context – The New Urban Colonialism, London / New Yor: Routledge

Cheever, J (1992[1969]) Bullet Park, London:Vintage

Davis, M (2002) Dead Cities, New York: The New Press

Hagedorn, J.M. (2008) A World Of Gangs – Armed Young Men and Gangsta Culture,Minneapolis / London: University of Minnesota Press

Yates,R. (2008[1961]) Revolutionary Road, London:Vintage

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