Wer hält die Fäden in der Hand?

August 1, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Seit dem Aufstieg von Protestantismus und Liberalismus gilt die These, der Mensch sei eigenverantwortlich für sein Handeln. Aber wieviel Handlungsfreiheit besitzt der Mensch? Wird er nicht in Strukturen hineingeboren, denen er nicht entfliehen kann? Und wenn die Gesellschaft ihn in ein Korsett zwängt und ihn lenkt, kann er dann für seine Taten – egal ob gut oder schlecht – verantwortlich gemacht werden?

Reihe dich ein, ordne dich unter

W.F. Whyte gab in seiner legendären ethnographischen Studie über Gangs in einem Bostoner Slum, ein gutes Beispiel für die Meinung, dass Strukturen unser Handeln bestimmen. Er verbrachte einige Zeit mit einer Straßengang namens Nortons. Deren Lieblingszeitvertreib war Bowling spielen. Whyte bemerkte, dass die Rangfolge der besten Bowler stark mit der sozialen Rangfolge innerhalb der Gang korrelierte. Er machte dafür zum Einen unbewusste Einflüsse geltend: “If they do not believe in him, the bowler has their adverse opinion as well as his own uncertainty to fight against” (Whyte, 1993 [1943], S. 19). Zum Anderen sah er, dass Spieler, die zu gut waren, auch verbal attackiert wurden von den anderen Gangmitgliedern. Diese höhnischen Sprüche und Provokationen, die sich das „aus seiner Rolle gefallene“ Mitglied anhören musste, dienten nach Whytes Meinung dazu, ihn auf seinen Platz zu verweisen (Whyte, 1993 [1943], S. 24).

Elijah Anderson stellte, in einer wesentlich neueren Studie über einen schwarzen Ghettobezirk von Philadelphia, fest, dass die schwarzen, anständigen (seine Unterscheidung) Ghettogroßmütter nicht an strukturelle Erklärungen glauben. Er zitiert eine 78-jährige Großmutter zum Thema Drogen: „As long as someone is not holding you down, prying your mouth open, and pourin‘ it down your throat, you don’t have to take it. So you take it because you want to take it” (Anderson, 1999, S.213).

Ich denke, wir müssen hier ein generelles kulturelles Klima in den USA, Großbritannien und zunehmend auch in Kontinentaleuropa in Betracht ziehen. Die Ansicht, dass jeder seines Glücks Schmied ist, hat die amerikanische Gesellschaft tief durchdrungen. Protestantische Siedler waren es, die zuerst den amerikanischen Lebensstil prägten – einen Lebensstil, der auf dem viel zitierten amerikanischen Traum aufbaut. Schon Max Weber (2010 [1920]) sah den Protestantismus als die Haupttriebkraft hinter dem Kapitalismus. Der Erwerb von Gütern wird zum Selbstzweck. Der Tüchtige erwirbt mehr als der Faule. Der Protestantismus zwingt den Gläubigen daher zur strikten Selbstkontrolle. Ein Mensch, der die Selbstkontrolle verliert, ist demnach weniger stark in seinem Glauben und somit quasi minderwertig.

Die zweite wichtige Einfluss ist der Liberalismus. Der Liberalismus basiert auf dem Grundsatz, dass alle Menschen rational handelnde Wesen sind. Der Mensch hat vollständige Souveränität über sich selbst. Wenn er es nicht schafft rational zu handeln, dann ist daran nicht die Gesellschaft sondern nur er selbst Schuld. Einen solchen Mensch sah der liberale Vordenker Mill als nicht erwachsen genug an, vernünftig zu handeln (Mill 2008[1859]). Kinder, Säufer, Geisteskranke und Eingeborene in den Kolonien zählten zu diesen minderwertigen Menschen. Nur wer an Handlungsfreiheit glaubt, kann erfolgreiche höher als arme Menschen schätzen.

Venkatesh (2006, S. 278ff.) beschreibt in seiner ethnographischen Studie über die Gesellschaft eines Innenstadtslums in Chicago wie eine Straßengang nach der Vereinigung mit einer konkurrierenden Gang nach seiner Ansicht immer stärker unternehmerische Züge annimmt. Sie stellten Profit nun über das nachbarschaftliche Miteinander und diversifizierten in neue Geschäftsbereiche (z.B. Schutzgelderpressung). Venkatesh glaubt offenbar, dass das neoliberale Klima auch vor den Gangs nicht halt gemacht hat. Der „Merger“ ist ja auch ein Hilfsmittel aus der Werkzeugkiste des modernen Betriebswirts. Wir sollten aber aufpassen, dass wir die Gangs der Vor-Reagan-Zeit nicht glorifizieren. Ein Ghettobewohner wird von Venkatesh mit folgender Bemerkung über den Gangboss Big Cat zitiert: „Big Cat walked over there with a baseball bat, broke the man’s legs, then took a gun and shot up the place” (Venkatesh, 2006, S. 314). Big Cats Verhalten zeigt, dass Gangs nie Wohltätigkeitsvereine waren. Schließlich war Big Cat auch schon vor dem Zusammenschluss Anführer einer der beiden Gangs.

Gangster und anständige Menschen

Anderson glaubt zwar auch, dass die schwarzen Ghettobewohner das Produkt von existierenden Strukturen und schwarzen Community-Traditionen seien (Anderson, 1999, S.179), aber er sieht eine klare Dichotomie zwischen gesetzestreuen Kirchgängern und kriminellen Elementen. Er glaubt, es habe sich eine Straßenkultur in den USA entwickelt, die sich aus einer Reihe von informellen Regeln zusammensetzt, welche das Verhalten der Bewohner in der Öffentlichkeit – und hier besonders das Verhältnis zur Gewalt – bestimmen (Anderson, 1999, S. 33). Der wichtigste Wert in dieser Kultur ist das Ansehen, der Respekt. Der (männliche) Ghettobewohner fürchtet nichts so sehr, als sein Gesicht zu verlieren. Wenn jemand ihm den nötigen Respekt verweigert, wird er daher sein Ansehen durch Anwendung von Gewalt wiederherstellen. Anderson sagt daher, dass es sogar eine Etikette für den Straßenraub gibt. Verweigert das Opfer die Herausgabe seiner Wertgegenstände, so beleidigt er damit den Angreifer und beschädigt dessen „Standing“ als erfolgreicher Räuber. Der Täter kann daher nur mit Gewalt antworten, um seinen Ruf zu schützen (Anderson, 1999, 124ff.).

Venkatesh glaubt hingegen nicht an eine Dichotomie zwischen ehrlichen und kriminellen Slumbewohnern. Die meisten Menschen, mit denen er gesprochen hat, pendeln zwischen legalen und illegalen Jobs. Eine junge Schwarze erklärte ihm, sie würde alles, von Prostitution über Müllsammeln bis zu dem Verkauf von selbstgebackenen Kuchen, tun. „Yeah, I do just about anything and everything, baby”, sagte sie ihm (Venkatesh, 2006, S. 35f.). Und Eunice, die ein Soulfood-Unternehmen gegründet hat, erzählte ihm, sie habe jeweils $50 jede Woche an einen Polizisten und an die Gang zu zahlen, damit sie in Ruhe gelassen werde (Venkatesh, 2006, S. 33).

Die Welt ist eine Bühne

Anderson berichtet in einem längeren Kapitel von einem jungen Schwarzen namens John Turner, der ihn in einem Restaurant, in dem Turner jobbte, ansprach. Er fragte Anderson, ob der ihm zu einem besseren Job verhelfen könnte, denn alles was ihm fehle, sei eine Chance. Anderson brachte ihn tatsächlich in einer gewerkschaftlich organisierten Firma unter. Turner war zu der Zeit schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Zum Einen wurde er verurteilt wegen illegalem Waffenbesitz und zum Anderen, weil er die Bewährungsauflagen nicht erfüllt hatte. Sein neuer Chef war zufrieden mit Turner, aber bald erreichte ein Hilferuf Anderson. Turner war im Gefängnis, weil er seine Freundin geschlagen haben sollte. Ein zweites Mal saß er ein, weil er die fällige Rate seiner Strafe nicht bezahlt hatte. Er behielt seinen Job, weil er nur die Nächte im Gefängnis verbringen musste, aber bald kündigte er selbst, da er die Frotzeleien der Kollegen über sein Sexleben nicht ertragen konnte.Schließlich gesteht er Anderson, dass er die ganze Zeit nebenher als Drogendealer bearbeitet hatte. (Anderson, 1999, S.237ff.).

Turner lehnte immer jede Mitschuld an seinen Konflikten mit dem Gesetz kategorisch ab. Es war immer Zufall oder ein Versehen, das ihn in die missliche Lage brachte. Seinen Kollegen hingegen unterstellte er böse Absichten. Den italienischen Kollegen in dem Restaurant, in dem er arbeitete, als er Anderson kennenlernte, unterstellte er Vorurteile: ”These people right off the boat have no respect for blacks” (Anderson, 1999, S. 244). Gleichermaßen fühlte er sich lächerlich gemacht von den schwarzen Kollegen, in dem von Anderson vermittelten Job. Zwar kann man deren Frotzeleien sicher auf einen gewissen Neid bezüglich Turners Sexleben zurückführen – Turner hatte, als Anderson sein Buch schrieb, schon sechs Kinder mit vier verschiedenen Frauen gezeugt – aber das Verhalten, das Gute in sich selbst zu finden, und das Schlechte auf die Außenwelt zu projizieren, wird von Anhängern der Kleinschen Psychoanalyse als Splitting beschrieben. Für Melanie Klein (1946) und ihre Nachfolger, liegt der Grund in Erfahrungen, die das Kind in frühster Kindheit macht. Das Kind internalisiert externe Objekte – von denen die Mutter das wichtigste ist – und die Qualität der Bindung an diese Objekte entscheidet, ob sich unbewusste Angst bildet. Splitting gilt als Abwehrreaktion und soll diese Ängste umlenken auf externe Ziele.

Aber Turner neigte auch – neben seinen Frauengeschichten – zu anderen stereotypischen Verhaltensweisen. Er protzte mit seinem Besitz. Besitztümer sind exrem wichtig für die Art und Weise, wie man im Ghetto wahrgenommen wird und auch dafür, wie man sich selbst sieht. Turner erklärte Anderson das so: „See, when you selling big, you the Godfather. They had me going for a while. Yeah, I was riding around in a red Bronco, leased me a Bronco, extra-large red Bronco, gold jewelry on, got my girl with me, got my daughter. I get out the truck, people run over there to me” (Anderson, 1999, S. 271). Die Klunker, das Auto und die Frauen brauchte er, um seine Rolle als Drogenhändler überzeugend spielen zu können. Und schon Goffman hatte festgestellt, dass solche Props – wie er sie nannte – nicht nur wichtig sind für die Rolle, die man spielt, sondern auch für die Aufrechterhaltung der eigenen Identität.

Während Anderson das Ghetto als gescheiterte Gemeinschaft ansieht, ist die Gemeinschaft des Slums für Venkatesh intakt. Jeder schlägt sich irgendwie durch, teils mit legalen, teils mit illegalen Mitteln, aber trotz aller Gewalt gibt es auch immer noch ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Für Venkatesh sind die Erklärungen für Gewalt und Drogenmissbrauch strukturell, Anderson ist hingegen vom Glauben an die Handlungsfreiheit des Einzelnen durchdrungen. Für ihn, wählen die Street Kids freiwillig eine gewalttätige Karriere, weil es cool ist, ein Gangster zu sein.

Dabei ist Anderson auf Turner reingefallen. Turner gab sich als anständiger Mensch aus, war aber ein Krimineller. Oder? Ist Turners ambivalentes Verhalten nicht der Beweis, dass es eine klare Dichotomie nicht gibt? Anderson hätte mehr in Goffmans Thesen vertrauen sollen. Der hat festgestellt, dass wir alle nur Rollen spielen, aber die Rollenangebote sind nicht für alle gleich. Innerhalb der Strukturen können wir frei agieren, aber wir können die Strukturen nicht überwinden.

Quellen

Anderson, E (1999), Code of the Street – Decency, Violence, and the Moral Life of the Inner City, New York / London : Norton

Mill, J.S. (2008 [1859]) ‚On Liberty‘ in On Liberty & Utilitarianism, New York: Bantam

Venkatesh, S. A (2006) Off the Books – the Underground Economy of the Urban Poor Cambridge MA / London : Havard University Press

Weber, M (2010 [1920]): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Vollständige Ausgabe. München: C.H. Beck

Whyte, W. F. (1993, [1943]), Street Corner Society – The Social Structure of an Italian Slum 4th Edition, Chicago / London: The University Of Chicago Press

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