Jung, frigide, introvertiert sucht…

Juli 6, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Kati Radloff hatte noch nie Sex – und sie will auch in Zukunft keinen haben. Sie nennt sich asexuell und macht in einer Talkshow im WDR Reklame für ihr Netzwerk der Asexuellen. Früher, so sagt sie, stand immer der Vorwurf frigide zu sein im Raum; jetzt weiß sie was sie ist. Sie kann zu dem stehen, was sie ist. Sie mag keinen Sex. Aber es ist alles in Ordnung mit ihr. Sie ist kein Freak.

Susan Cain bewirbt ihr neues Buch in einem Interview mit dem Spiegel (25/2011, S. 58). Sie ist introvertiert und hat ein Buch darüber geschrieben, warum Introvertierte zu Unrecht benachteiligt werden. Und nur weil sie sich nicht so in Szene setzen können, wie das Extrovertierte tun. Was soll das sein, ein Introvertierter?

Now what would you say for they calling you a radical
Liberal, fanatical, criminal?
Won’t you sign up your name? We’d like to feel you’re
Acceptable, respectable, presentable, a vegetable

Supertramp

Wie kann es sein, dass wir immer noch in solchen Klischees denken. Wieso ordnen wir Menschen immer noch unveränderliche Charaktereigenschaften zu? Der da ist gutmütig, der andere geizig, die da links ist heimtückisch. Die positivistische Psychologie hat das Denken der westlichen Welt durchdrungen. Jeder Mensch hat Charaktereigenschaften. Wie könnte es anders sein? Das macht den Menschen doch erst zum Individuum, oder?

Eysenck, der wichtigste Anhänger der psychologischen Persönlichkeitwesenszügetheorie,  ergründete die Eigenschaften eines Menschens mit primitiven Fragebögen. Durch die quantitative Auswertung der Antworten dachte er den Menschen, in einer Skala von vier Extremen positionieren zu können: extrovertiert, introvertiert, labil und stabil. Man nennt seine Theorie die Drei-Faktoren-Theorie, da er Menschen den Dimensionen Psychotizismus, Extraversion und Neurotizismus zuordnete. Im Grunde erweiterte er nur Galens Einordnung in Melancholiker, Phlegmatiker, Choleriker und Sanguiniker, die dieser um 200 n. Chr. aufgestellt hatte. Obwohl Eysenck so viel Wert auf Messbarkeit legte, musste er schließlich eingestehen, dass seine Theorie nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte (Pervin et al. 2005, S. 291ff.).

Eysenck selbst schrieb: „The typical extravert is sociable, likes parties, has many friends, needs to have people to talk to, and does not like reading or studying by himself. He craves excitement, takes chances, often sticks his neck out, acts on the spur of the moment, and is generally an impulsive individual. He is fond of practical jokes, always has a ready answer, and generally likes change; he is carefree, easygoing, optimistic, and ‚likes to laugh and be merry‘. He prefers to keep moving and doing things, tends to be aggressive and loses his temper quickly; altogether his feeling are not kept under tight control, and he is not always a reliable person“ (Eysenck and Rachman, 1965). Eysenck sagt selbst, dass dies wie eine Karikatur klingt, aber er glaubt felsenfest daran, dass man Menschen auf einer Skala, die von extrem introvertiert bis extrem extrovertiert reicht, objektiv platzieren kann. Die Idee, dass die Personen, welche die  Fragen ausarbeiten und auswerten nicht objektiv sein können, ist ihm wohl nicht gekommen. Außerdem ist sein Text sexistisch, da er immer nur von dem Introvertierten und nie von der Introvertierten spricht. Auch darin folgt er Galen blind.

G.A. Kelly hat schon 1955 darauf hingewiesen, dass solche Wahrnehmungen nicht objektiv sein können. Sie verraten uns mehr über den Erzeuger der Kategorisierung als über den Kategorisierten. Wenn wir in einer Gruppe zusammenstehen und ein mir bekannter, den anderen aber unbekannter, Mensch geht vorbei und ich deute auf ihn und sage, dieser da ist schlampig und unzuverlässig, dann richten sich alle Blicke auf ihn. Als wenn man meine Behauptung durch Augenschein verifizieren könnte.

Von frühster Jugend an wird uns gesagt was wir sind und was wir zu sein haben. Eltern, Verwandte, Geschwister belegen uns mit Eigenschaften. Man ist verschlossen, lebhaft oder weinerlich. Manche der zugewiesenen Attribute übernimmt man. Man verhält sich so wie es die anderen von einem erwarten. Gegen andere Eigenschaften stemmt man sich vielleicht, aber nur um sich selbst dann eine gegnerische Eigenschaft zuzuschreiben. Die Charaktereigenschaften, die wir verinnerlicht haben, prägen unser Leben und die Erfahrungen, die wir im Leben machen, verändern unser Selbstbild. Wir konstruieren ein Bild von uns, aufgrund unserer verzerrt erinnerter Lebensgeschichte, die wiederum entscheidend beeinflusst wurde, von unserem Selbstbild.

Wir lernen von früh an, unser Leben als fortlaufende Erzählung zu sehen, so wie wir andere Leben als kohärente Erzählungen wahrnehmen wollen. Die Geschichten, die die Erwachsenen uns und sich erzählen, prägen uns. Später kommen artifizielle Erzählformen hinzu wie der Film oder der Roman. Wir erwarten, dass etwas einen Anfang hat und sich chronologisch auf ein Ende, eine Pointe zubewegt. Die Erzählung sollte kohärent sein. Wir sind verdutzt, wenn wir nicht erkennen können, warum eine Person plötzlich irgendeine Handlung begeht, die sich vorher nicht angedeutet hat. Die Beständigkeit gibt uns Sicherheit in einer Welt, die nicht beständig ist. Die Illusion, dass alles erklärbar ist, brauchen wir um seelisch gesund zu bleiben.

Dabei ist nichts in dieser Welt statisch. Alles ist im Fluss. Das Selbst ist ein Prozess. Wir sind die Summe unserer Erfahrungen, unserer biologischen Anlagen und unserem evolutionären Gedächtnis. Wenn jemand introvertiert erscheint, dann ist das eine Momentaufnahme. Derselbe Mensch kann eine Stunde später in einem anderen Umfeld zum Alleinunterhalter werden. Im Blog von cinemoose.com heisst es über Filmcharaktere: „Character is what a person says or does in any given situation. That’s it. That’s what distinguishes one person from another. The words they say, actions they take and their reactions to events. That’s all character is“  (Cinemoose 2008). Man kann das übertragen in die reale Welt.

Von Geburt an werden wir kategorisiert. Manche Kategorien nehmen wir an und verinnerlichen sie, gegen andere rennen wir vielleicht ein Leben lang an. Wir werden gezwungen, bestimmte Rollen zu spielen. Manche aber wählen wir auch selbst aus. Wenn wir Mitglied in einer neuen Gruppe werden, haben wir die Chance uns von manchen Kategorisierungen zu lösen. Aber nur solange die neue Gruppe initial keine Schnittmenge zu anderen Gruppen hatte, in denen wir Mitglied sind oder waren. Menschen, die wir aus anderen Gruppen kennen, sind dann oft überrascht, wenn sie mitbekommen welche Rollen wir in denen ihnen unbekannten Gruppen spielen und welche Eigenschaften uns von den Gruppenmitgliedern zugeordnet werden.

Quellen

Eysenck und Rachman (1965) ‚Dimensions of personality‘ in Eysenck, H.J. and Rachman, S. (eds) Causes and Cures of Neurosis, London:Routledge

Kelly, G.A. (1955) The Psychology of Personal Constructs, New York:Norton

Pervin/Cervone/John (2005) Persönlichkeitstheorien 5. Aufl. München/Basel:Reinhardt UTB

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