Die Gedankenleser

Juni 23, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gedankenlesen ist ein Menschheitstraum. Menschen handeln oft anders, als man denkt. Andere Menschen einzuschätzen, ist schwierig. Kann man ihnen trauen? Ist dieser da ein feindlicher Agent, ein Lügner, ein Betrüger? Führt sie anderes im Schilde, als sie vorgibt? Habe ich eine Chance bei ihr? Was will sie von mir?

Ich weiß, wo du gestern warst

Im Sciencefiction-Film Strange Days (dir. Bigelow, K. USA 1995) sind sie zur neuen Droge geworden: Disks mit den aufgezeichneten Erinnerungen einzelner Personen. Das Erlebte wird direkt von der Großhirnrinde auf Disk übertragen. Der Konsument einer solchen Aufzeichnung erlebt aber nicht nur die Ereignisse nach. Auch die Emotionen werden auf das Speichermedium übertragen. Am beliebtesten sind daher im Film Aufzeichnungen von Sex und Gewalt. Das ist eine realistische Einschätzung zumindest der männlichen Wünsche. Da aber Gefühle eine Rolle spielen, ist es allerdings eine Schwachstelle der Geschichte, dass Huren eingesetzt werden von den Dealern für die Produktion neuer Aufzeichnungen. James Camerons Plot basiert darauf, dass eine dieser Huren etwas erlebt (einen Mord), dessen Aufzeichnung den Mördern verständlicherweise gar nicht gefällt. Aber hier verlassen wir Hollywood. Die Handlung des Films soll uns nicht weiter interessieren.

Mit dem Fortschritt in den Naturwissenschaften wurden deren Erkenntnisse für das Ergründen der Wahrheit genutzt. Der umgangssprachlich Lügendetektor genannte Polygraph wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts erdacht. Gebaut wurde er zuerst von Vittorio Benussi 1913. Das Gerät misst körperliche Parameter wie Puls, Atmungsfrequenz, Hautwiderstand und Blutdruck. Diese Werte verändern sich bei zunehmender Nervosität. Da man davon ausgeht, dass sich die Nervosität beim Lügen erhöht, glaubt man einen Befragten durch die Überwachung dieser Daten des Lügens überführen zu können.

Diese Annahme beruht auf der positivistischen Annahme, dass solche Werte universell sind und objektiv gemessen werden können. Dabei übersieht man, dass Reaktionen individuell verschieden sein können. Auch unterscheiden sich die Situationen, in denen das Gerät eingesetzt wird, erheblich. Und der Befrager gestaltet die Befragung zwangsläufig subjektiv, da auch er ein subjektiv empfindendes Wesen ist, das ebenfalls durch bestehende Strukturen gebunden ist.

Der Lügendetektor kann also nur eine vermeintlich höhere Nervosität messen. Ins Gehirn kann er nicht schauen. Mit der Erfindung der Kernspintomographie wurde das anders. Mit der funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) kann man aktive Bereiche im Gehirn erkennen. Aber auch hier werden nur biochemische Parameter visualisiert. Man kann Regionen mit erhöhtem Sauerstoffgehalt im Blut markieren. Somit kann man feststellen, wo im Gehirn die meiste Aktivität stattfindet. Haynes glaubt inzwischen lokalisieren zu können, wo die Definitionen für einzelne Symbole abgelegt sind (Begley, 2008). Dem Probanden wird eine Abbildung eines Gegenstands gezeigt (z.B. Hammer), danach kann man beobachten wie eine bestimmte Gehirnregion im fMRI aufleuchtet (CBS, 2009).

Das ist interessant, da der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan glaubte, das Unbewusste sei strukturiert wie eine Sprache. Allerdings sind in diesem Lexikon nur Symbole abgelegt. Symbole brauchen Kodierung und Dekodierung um Bedeutung zu erlangen. Das Unbewusste ist für Lacan (Homer, 2005, S. 69f) ein Diskurs des „Anderen“. Damit meint er den bewussten Teil des Verstands.

Interessant daran ist, dass auch bei den ersten fMRI-Versuchen nur ikonografische Darstellungen und nicht etwa Wörter gezeigt werden. Wenn Lacan recht hätte, müsste an mindestens zwei Stellen im Gehirn erhöhte Aktivität zu sehen sein. Erstens im Symbollexikon des Unbewussten, und zweitens dort wo der Übersetzungsprozess stattfindet.

Wie schon beim Polygraph steht auch hinter dieser Forschung der naive, positivistische Glaube, dass man die Welt erklären kann, wenn man alle chemischen und physikalischen Vorgänge verstanden hat. Könnte es nicht doch sein, dass die Biochemie nur ein Symptom des Wirkens der psychodynamischen Kräfte ist? Psychoanalytiker und speziell solche die in der anglo-amerikanischen Tradition der Objektbeziehungen stehen, haben beim Prozess der Analyse ein verschmelzen der Psyche des Analytikers mit dem des Patienten festgestellt. Isakower glaubt, dass die beiden einen Bewusstseinszustand erreichen, der mehr als nur eine wechselseitige Indentifikation ist. Brown (2011) meint: „[…] he is suggesting a merger between patient and analyst on the level of ego state that is in parallel with Fliess’s observation that the analyst fleetingly becomes the patient’s transference striving through a trial identification.“  Freud nahm an, dass es eine Kommunikation zwischen dem Unbewussten zweier Menschen möglich ist, die das Bewusstsein umgeht. Brown glaubt an ein emotionales Feld, das von den beteiligten Menschen gemeinsam erschaffen wird und dann von beiden unabhängigen Verständen gemeinsam erlebt werden kann. Das setzt natürlich voraus, dass beide willig sind zum Gedankenaustausch. Dann aber braucht es keine teuren Maschinen mehr, Empathie reicht.

Das Ich als Prozess

Für Denker der Kleinschen Richtung in der Psychoanalyse, ist eine Momentaufnahme des Gehirns eher uninteressant. Für sie verändert sich das Unbewusste ständig. Sie haben den Freudschen Begriff der Übertragung (engl. Transference) erweitert. War es für Freud nur ein Vorgang zwischen Analytiker und Patient, so hat z.B. Nancy Chodorow diesen Prozess zum alltäglichen Szenario erhoben. Die materielle Welt wird in Form von Objekten internalisiert. Diese internalisierten Objekte werden in unserem Unbewussten abgespeichert und modifizieren es dadurch. Unser Unbewusste verändert sich also ständig, aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich die letzten Monate in einem buddhistischen Kloster oder als Soldat in Afghanistan verbracht habe. Das Unbewusste ist nichts Flüchtiges. Es hat Persistenz und ist real. Es ist keine momentane Illusion.

Wenn wir uns in der materiellen Welt bewegen, projizieren wir unser Unbewusstes auf diese äußere Welt. Das Unbewusste ist aber keine rationale Repräsentation der internalisierten Objekte. Daraus folgt, dass wir ein Zerrbild auf die materielle Welt projizieren. Dieses verzerrte Bild internalisieren wir dann wieder und speichern es in unserem Unbewussten. Somit werden wir nie ein objektives Bild von unserer Umwelt machen können. Für Bollas machen wir bei jedem Kontakt mit der materiellen Welt eine Metamorphose durch (Bollas, 1993). Chodorow glaubt, dass wir unsere innere Vergangenheit – also die internalisierten Objekte, denen wir in unserem Leben bereits begegnet sind – auf das Jetzt projizieren (Chodorow, 1999). Isaacs macht auch noch einmal klar, dass die innere Welt eine eigenständige Welt ist, die ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Dynamik folgen muss (Isaacs, 1952).

Wenn man die Kleinsche Sichtweise mit Lacans Thesen und konstruktivistischen Ideen zusammenbringen möchte, könnte man sagen, dass Menschen sobald sie interagieren, soziale Welten erschaffen, in die sie ihre Ideen und Werte einbringen. Die menschlichen Akteure internalisieren die äußere Welt, verzerrt durch ihre unbewussten Projektionen, und projizieren in der Folge dieses Zerrbild zurück auf die materielle Welt. Somit sind wir doppelt eingeschränkt in unserem Handeln: einmal durch die Strukturen der sozialen Welt, in der wir uns bewegen, und zum anderen durch unsere irrationalen Triebe, die in unserem Unbewussten heimisch sind.
Da wir aber auch Informationen von einer sozialen Welt zur anderen transportieren können, muss diese Information in unserem Körper gespeichert sein. Wir gehen in der Folge einfach davon aus, dass der Verstand auch Bestandteil des Körpers ist. Dieser Körper besitzt auch biologische und evolutionär ererbte Informationen. Um allen diesen Informationen Bedeutung zu geben, braucht es einen Übersetzer. Die Rohdaten müssen in linguistische Tokens überführt werden mit Hilfe der gültigen Semantik der sozialen Welt, in der wir uns im Moment bewegen. Würden wir eine andere Semantik benutzen, könnten wir in dieser sozialen Welt nicht kommunizieren. Der Übersetzungsprozess startet bei jeder Interaktion von Neuem. Die Bedeutungen können sich also mit der Situation und über eine gewisse Zeit verändern. Unser Ego ist kein statisches Objekt sondern ein Prozess. Alle positivistischen Versuche eine universelle Wahrheit zu erkennen, scheitern schon an diesem Punkt.

Quellen

Begley, S. (2008) Mind reading is now possible, Newsweek online, January 12, online: http://www.newsweek.com/2008/01/12/mind-reading-is-now-possible.html

Bollas, C. (1993) Being a character: Psychoanalysis and Self Experience, London:Routledge

Brown, L.J. (2011) Intersubjective processes and the unconscious : an integration of Freudian, Kleinian, and Bionian perspectives, Hove:Routledge

CBS News (2009) Mindreading, CBS News 60 Minutes, June 28 online:http://www.cbsnews.com/video/watch/?id=5119805n

Chodorow, N.J. (1999) The Power of Feelings: Personal Meaning in Psychoanalysis, Gender and Culture, New Haven:Yale University Press

Homer, S (2005) Jacques Lacan, Abingdon:Routledge

Isaacs, S. (1952) ‚The nature and function of phantasy‘ in Riviere, J. (ed) Developments in Psycho-Analysis, London:Hogarth Press

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