Yates‘ Hölle

Juni 7, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Richard Yates veröffentlichte seinen Erstlingsroman „Revolutionary Road“ 1961. Obwohl er von Kritikern und Schriftstellerkollegen gleichermaßen als Meisterwerk gefeiert wurde, lag er wie Blei in den Regalen. Yates geriet danach in Vergessenheit. In einem seiner letzten Interviews (vielleicht das letzte) mit dem Independent (Bradfield, 1992) sagte er, es sei sein Pech, dass sein erster Roman auch sein bester sei.

Revolutionary Road gilt als realistischer Roman, obwohl Ideen des symbolischen Interaktionismus, der als einer der Wegbegleiter der Postmoderne gilt, dem Werk als Fundament zu dienen scheinen. Der Roman gilt auch als fundamentale Kritik an den amerikanischen Vorstädten. Aus diesem Grund entstand dies Essay. Es ist nicht als literarische Auseinandersetzung mit dem Werk zu verstehen.

Die Konstruiertheit des Realismus

Realismus hat im allgemeinen das Problem zu Klischees zu neigen. Lindenstraße mag dafür als Beispiel reichen. Auch könnte der Begriff selbst nicht falscher gewählt sein. Nichts ist weniger realistisch als der Realismus. Keine Erzählung gibt jemals die objektive Wahrheit wieder. Die Figuren und die Ausschmückung der Handlung sind immer eine Schöpfung des Erzählers – auch wenn es die Nachbarin ist, die von ihrem Besuch bei ihrer Tante erzählt. In einem literarischen Werk kommen handwerkliche Zwänge hinzu. Menschen handeln irrational; wissen oft selbst nicht, warum sie etwas taten. Die Erzählung verlangt aber Kohärenz. Alle Handlungen müssen glaubhaft erklärt werden, sonst legt der Leser das Buch weg oder der Zuhörer schließt die Ohren. Der realistische Roman ist eine Konstruktion des Autors, die vortäuscht die Realität widerzuspiegeln.

Um den eingangs gemachten Vergleich mit der Lindenstraße zu relativieren, muss ich hier anmerken, dass sich Yates‘ Roman auf höchsten handwerklichen Niveau befindet. Trotzdem kann er nicht das Spiegelbild der amerikanischen Vorstädte der Fünfziger Jahre sein. Er bietet aber einen Einblick in Yates‘ Gedankenwelt, und dadurch sagt er uns auch etwas über die amerikanische Gesellschaft jener Jahre.

Das unechte Leben

Ist er nun die essenzielle Suburbiakritik, wie von so vielen Kritikern behauptet? Yates erzählt die Geschichte von Frank und April Wheeler, einem jungen Ehepaar, das mit ihren beiden Kindern in die Vorstadt zieht. Frank sieht sich als Freigeist, der hoch über seinen Nachbarn mit ihren Vorstadtträumen und -gefühlen steht. Dummerweise verdient auch er sein Geld als Angestellter. Er sieht den Job aber nur als temporäre Notwendigkeit an: „I mean the great advantage of a place like Knox is that you can sort of turn off your mind every morning at nine and leave it off all day, and nobody knows the difference“. April war auf einer Schauspielschule. Auch sie sieht sich der bourgeoisen Spießergesellschaft als nicht angehörig an. Aber ein misslungener Versuch mit einer Laientruppe ein Schauspiel auf die Bühne zu bringen, schädigt ihr Selbstbewusstsein. Dass sie als gelernte Schauspielerin auf der Bühne so patzen kann, passt nicht in ihr Selbstbild.

Nach ihrem „Versagen“ widmet sie sich ganz der Idee ihren Mann bei seiner Selbstfindung zu unterstützen. Sie überredet ihn, dass er dazu seinen gehassten Job aufgeben und mit ihr und den Kindern nach Paris ziehen muss. Zuerst ist er Feuer und Flamme, bald kriegt er aber kalte Füße. Von was sollen sie dort leben? April will sich dort einen Job suchen, während Frank in Ruhe seine Berufung finden kann. Als er auch noch eine Beförderung in Aussicht gestellt bekommt, kippt seine Stimmung total. Schließlich ist sein Job doch nicht so übel. Und an einer Stelle lässt Yates Frank denken: „This was the way he had often wished his marriage could always be – unexcited, companionable, a mutual tenderness touched with romance.“

Yates‘ Tragödie nimmt ihren Lauf. Die gegeneinanderwirkenden Kräfte vom Willen nach Veränderung und dem Beharren auf Bestehendem schaukeln sich gegenseitig hoch bis es zum Inferno kommt. Aber ist diese dramatische Konstruktion tatsächlich ein Abbild der Verlogenheit der Vorstädte? Yates zeigt, dass auch die anderen Vorstädter ihre Träume hatten oder noch haben. Niemand ist so eindimensional, wie die Wheeler in ihrer Arroganz annehmen. Oder wie Yates seinen „Helden“ denken lässt: „It’s all the idiots I ride with on the train every day. It’s disease. Nobody thinks or feels or cares any more; nobody gets excited or believes in anything except their own comfortable little God damn mediocrity.“

Alles nur Schau

Yates scheint von Goffmans Thesen gehört oder sogar dessen Buch „The Presentation of Self in Everyday Life“ gelesen zu haben. Goffman und die Schule des symbolischen Interaktionismus waren in den späten Fünfzigern unglaublich einflussreich in den USA – und zwar nicht nur in der Soziologie. Yates war ja auch Journalist, und somit beruflich neuen Ideen beständig ausgesetzt.

Goffman nahm an, dass alle Menschen Rollen spielen und sie diese Rollen den Situationen und Zuschauern anpassen können. Allerdings begrenzen gesellschaftliche Zwänge, Gebräuche und Vorstellungen die Wandlungsfähigkeit. Goffman schrieb: „When an individual plays a part he implicitly requests his observers to take seriously the impression that is fostered before them. They are asked to believe that the character they see actually possesses the attributes he appears to possess, that the task he performs will have the consequences that are implicitly claimed for it, and that, in general, matters are what they appear to be“ (Goffman, 1959, S. 17).

Auch bei Yates ist nichts natürlich. Yates sagt an einer Stelle folgendes über Frank: „He made the most of it. Sentences poured from him, paragraphs composed themselves and took wing, appropriate anecdotes sprang to his service and fell back to make way for the stately passage of epigrams.“ Alles ist nur gespielt und manches sogar vorab geprobt. So überlegt sich Frank während Gesprächen mit seinen Kollegen, wie er die Unterhaltung am Abend April erzählen wird. Dass das ganze Drama durch eine verpatzte Laienaufführung ins Rollen gebracht wird, ist da fast schon zu viel des Guten. Allzu deutlich will Yates uns die Verlogenheit der Vorstädte ( und der amerikanischen Gesellschaft als Ganzes) machen. Erst ein Verrückter traut sich die Wahrheit auszusprechen und löst damit die Katastrophe aus. Auch das ist ein bisschen zu dick aufgetragen für meinen Geschmack.

Mittelmäßigkeit ist nicht das Problem

Yates ist – wie ich angedeutet habe – sich der Arroganz der Wheelers gegenüber ihren Nachbarn bewusst. Er benutzt diese Arroganz aber nur, um herauszustellen, dass sie genauso mittelmäßig sind wie die von ihnen verlachten Nachbarn. Im Grunde scheint er genau wie seine Hauptperson diese Mittelmäßigkeit zu hassen. Dabei übersieht er das eigentliche Problem der Vorstädte. Nicht der Wunsch nach einem sicheren Job und einem ruhigen, friedlichen Leben sind zu kritisieren, sondern der offene oder latente Rassismus. Dies wird bei Yates überhaupt nicht thematisiert. Es kommt weder ein Schwarzer noch ein Angehöriger einer anderen ethnischen Minderheit in dem Roman vor. Die eigentlichen Gründe warum die amerikanische Mittelschicht in die Vorstädte flüchtete, bleiben ungenannt. Auch das politische Klima in den McCarthy-Jahren wird nicht thematisiert.

Trotz dieser Einschränkungen ist das Buch ( wie so oft) klüger als der Autor. Yates selbst ist der spießigen Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses meist aus dem Weg gegangen. Dementsprechend arm und erbärmlich ist er mit nur 66 Jahren gestorben. Er kämpfte zeitlebens mit seinem Alkoholproblem und rauchte trotz seiner Lungenkrankheit. Ein Lungenemphysem brachte ihn schließlich ins Grab.

Bibliographie

Bradfield, S (1992) The Independent 21 November, online: http://www.tbns.net/elevenkinds/bradfield.html

Goffman, E (1959) The Presentation of Self in Everday Life, New York: Anchor

Yates, R (2008 [1961]) Revolutionary Road, London: Vintage

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