Der gar nicht diskrete Rassismus der Bourgeoisie

Juni 1, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Städte sind Orte, an denen sich Menschen jeglicher Couleur begegnen. Das Zusammentreffen von verschiedenen Lebensstilen, Kulturen und ethnischen Hintergründen erzeugt eine einzigartige Lebendigkeit, die die Fantasie der Menschen anregt und so Kreativität schafft. Aber die Heterogenität der Städte führt auch zu Spannungen. Städte, und speziell Großstädte, konzentrieren und intensivieren die Unterschiede. Kulturelle und ethnische Eigenheiten werden bis zum Extrem übertrieben. Und diese Extreme müssen dennoch miteinander auf engstem Raum miteinander leben. Für die Chicago School of Sociology war es genau diese Intensität, die die Stadt vom Landleben unterscheidet.

Für die Soziologin Jane Jacobs machte das “Gemisch aus Fremden” eine Stadt aus. Für sie trugen die Fremden quasi das Neue und damit Vielfalt und Inspiration in die Stadt hinein. Sie glaubte, dass niemand ausgeschlossen bleiben darf, denn die Stadt wird von ihren Einwohner gemacht – und sie kann nur dann für jeden etwas bereithalten, wenn jeder an diesem ständigen Schöpfungsprozess beteiligt ist. Dieser Schöpfungsakt ist nicht beschränkt auf die Gebäude und die Institutionen, er umfasst auch das gesellschaftliche Leben, die Künste, das Unterhaltungsangebot usw. Diese Schöpfung macht jede Stadt zum Unikat. Jede Stadt verkörpert ein spezielles Lebensgefühl und daher ist sie am Ende mehr als die Summe ihrer Teile.

Die innere Mauer

Die Identitätsfindung ist wichtig für die Psyche des Menschen. Allerdings ist das kein Prozess, der jemals abgeschlossen ist. Für die Konstruktivisten gibt es gar keine fixe Identität, sondern sie ändert sich von Situation zu Situation. Doch auch wenn wir hier eine konservativere Annahme von Identitätsprägung zugrunde legen, müssen wir feststellen, dass Menschen ständig nach ihrer Identität suchen. Identität wird konstruiert durch die Abgrenzung von anderen Menschen. Die Sozialpsychologie sieht den Prozess der Gruppenzugehörigkeit und der Ablehnung von anderen Gruppen als wesentlich für die Definition der eigenen Identität. Der Soziologe Sennett hat schon 1970 festgestellt, dass Unterschiede verstärkt werden und somit aktiv Gleichartigkeit gesucht wird von den Stadtbewohnern. Reich und arm sucht gleichermaßen nach der Solidarität der eigenen Gruppe. Eine solche Tendenz kann sehr wohl zu Intoleranz führen.

Der Sozialpsychologe Henri Tajfel hat in seinen Experimenten mit “minimalen Gruppen” festgestellt, dass die Menschen tatsächlich versuchen Unterschiede zwischen der eigenen Gruppe und den anderen zu maximieren. Minimale Gruppen sind dabei Gruppen, die willkürlich zusammengestellt wurden. Den Teilnehmern wurden zwei Gemälde gezeigt, und sie durften dann entscheiden, welches ihnen besser gefällt. Den Teilnehmern, die keinen besonderen Bezug zur Malerei hatten, – es waren 14 bis 15-jährige Schüler aus Bristol – wurde dann gesagt, sie kämen mit all denen in eine Gruppe, die den gleichen Geschmack gezeigt hätten. In Wahrheit wurden die beiden Gruppen willkürlich zusammengestellt ohne Rücksichtnahme auf die tatsächliche Wahl, die die Teilnehmer getroffen hatten. Trotzdem sah Tajfel, wie die Gruppenteilnehmer später im Experiment eine Gruppenzugehörigkeit ausprägten und die eigene Gruppe bevorzugten. Tajfel schloss daraus, dass Gruppenbildung eine grundlegende Notwendigkeit für Menschen ist, und dass sie die Wurzel von Vorurteil und Diskriminierung darstellt.

Die kalifornischen Wutbürger

Los Angeles, so sagt der amerikanische Historiker, Soziologe und Sozialist Mike Davies, ist nicht wie andere Städte gewachsen, weil es Knotenpunkt oder Marktplatz war; auch nicht wegen der vorhandenen Ressourcen; sondern ist hauptsächlich ein Produkt der Grundstückskapitalismuses (Davies 2006 [1990], S. 25). Und so ist auch zu verstehen, dass für ihn bis heute die Gruppe der gutsituierten Hausbesitzer die mächtigste gesellschaftliche Bewegung darstellt. „Community in Los Angeles means homogeneity of race, class, and, especially, home values“ (Davis, S. 153). Davis erzählt uns von der Panik, die 1922 die Ankunft einer einzelnen schwarzen Familie in der weißen Wohngegend um Budlong Avenue verursachte (Davis, S. 162). Die weißen Hausbesitzer fürchteten vor allem den Verfall der Hauspreise. Robert Fishman wird zitiert mit der Behauptung, dass die Grundbesitzervereinigungen von 1920 bis 1960 im wesentlichen an ihrer Idee des bourgeois utopia, arbeiteten. Eine Vision, die aus ethnisch und ökonomisch homogenen Einfamilienhaus-Enklaven bestand (Davis, S. 178f.).

Das ist der Hintergrund, vor dem sich in den späten Achtzigern des 20. Jahrhunderts die Slow-Growth Bewegung bildete. Nun waren es plötzlich nicht mehr die Habenichtse, die aus Protest auf die Straße gingen. Es waren die gutsituierten Bürger, die ihre bourgeoise Idylle retten wollten. Sie waren plötzlich gegen allzuviel Fortschritt; zumindest sollte der nicht vor ihrer Haustür stattfinden. NIMBY-ism war geboren. NIMBY ist ein Akronym, das für Not-In-My-Back-Yard steht (Gregory u.a. 2009, S.501).

Diese Bewegung ist nun offensichtlich auch in Deutschland angekommen. Der Protest gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof wurde nicht von linken Splittergruppen geführt, sondern von konservativen Besitzbeürgern (Spiegel Online, 24.8.2010).

Der goldene Käfig

Es sind also nicht nur die Armen, die die Solidarität ihrer Gruppe suchen. Auch die Betuchteren tendieren dazu, sich von anderen Bevölkerungsgruppen zu isolieren. Teresa Caldeira untersuchte die Situation in Mexiko und fand, dass sich die Reichen sich von denen absetzen wollen, die sie für gesellschaftlich minderwertiger erachten. Aber dieser Vorgang der Segregation ist kein neues Phänomen. Seit Anbeginn der Industrialisierung flohen die Reichen vom Lärm und Schmutz ihrer Fabriken an den Stadtrand. Die Mittelklasse folgte, sobald es die Infrastruktur und der individuelle Besitz eines Kraftfahrzeugs erlaubten, in die neu errichteten Vorstädte. Der eigene Bungalow mit einem kleinen Vorgarten und einer Garage wurde zum Traum des amerikanischen Mittelstands – und von dort schwappte die Idee nach Europa herüber. Western schrieb, dass “Raum gesellschaftliche Unterschiede verstärkt [und] die Sozialstruktur in gewissem Sinne den Raum spiegelt”.

Heutzutage scheint die Segregation zu eskalieren. Die Gutverdienenden fühlen sich bedroht von Verbrechen und Gewalt. Caldeira hat festgestellt, dass Furcht, sie von gewissen Teilen der Stadt fernhält. Gerade in Mexiko City besteht bei ihnen der Eindruck, der Schutz durch die Polizei habe abgenommen, während die Gefahr bedroht, beraubt oder gar ermordet zu werden, dramatisch gestiegen ist. Deshalb versuchen sie den Bedrohungen zu entkommen, indem sie in bewachte und umzäunte Wohnviertel ziehen.

Davis spricht von spatial apartheid (Davis, S. 230), wobei Apartheid immer auch einen räumlichen Aspekt hatte. Er beschreibt eindrucksvoll wie die Stadt L.A. Obdachlose aus besseren Wohngegenden fernhalten will. Die Bänke an den Bushaltestellen haben abgerundete Sitzflächen, so dass man zwar (unbequem) darauf sitzen, aber nicht schlafen kann. Das Schlafen im Freien ist nicht verboten, betont die Polizei, aber das Errichten von jeglichen Schutzvorrichtungen. Dazu gehören auch Wärme- und Windschutz aus Pappe. Wer auf dem nackten Boden schläft, verstößt nicht gegen das Gesetz. Wer auf Pappe schläft allerdings schon. Und solche Gesetzesverletzungen werden gnadenlos verfolgt. Auch achtet die Stadt darauf, dass es keine offenen Trinkwasserquellen oder öffentliche Toiletten gibt, die von „unerwünschten Personen“ benutzt werden könnten. Immer mehr Gebäude, Plätze und natürlich Supermärkte sind videoüberwacht. Allein das Erscheinen von schwarzen oder Latino-Jugendlichen in weißen Vororten führt zu einem Polizeieinsatz. Davis glaubt: „We live in fortress cities brutally divided between fortified cells of affluent society and places of terror where the police battle the criminalized poor“ (Davis, S. 255).

Wie Caldeira glaubt auch Davis, dass es nur das zunehmende, allgegenwärtige Geschwätz über Verbrechen und Gewalt ist, was zu der Verunsicherung führt. Aber einige der Verbrechen sind real. In manchen Straßen dieser Welt hat man als Fremder eine gute Chance beraubt und bedroht zu werden. Solche realen Bedrohungen können auch von Soziologen nicht als “eingebildet” wegdiskutiert werden.

Fazit

Wie Sennett sehe auch ich in der zunehmenden Segregation die Gefahr des Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Diese “purified Communites”, wie er die streng segregierten Gemeinschaften nennt, werden die Konflikte nicht lösen. Sie werden, im Gegenteil, die Spannungen verstärken und anheizen. Die Ausgegrenzten könnten mit Wut und Gewalt auf ihren Ausschluss reagieren. Oder sie akzeptieren die Mauern und versuchen durch illegale Aktivitäten ihren Teil am Kuchen zu erlangen. Sind auch manche Befürchtungen übertrieben, andere sind real. Nur der Kontakt zwischen den Bevölkerungsgruppen kann die Ängste reduzieren und Spannungen lindern.

Bibliographie

Caldeira, T. (1996) “Fortified enclaves: the new urban segregation”, Public Culture, vol. 8 pp. 303-28.

Davis, M. (2006 [1990]) City of Quartz, London / New York: Verso

Gregory, D, Johnston, R. Pratt, G. Watts, M.J. Whatmore, S. (eds) (2009) The Dictionary of Human Geography 5th Edition, Chichester: Wiley-Blackwell

Jacobs, J, (1961) The Death and Life of Great American Cities, Harmondsworth, Penguin

Sennett, R. (1970) The Conscience of the Eye: the Design and Social Life of Cities, London, Faber and Faber

Sennett, R. (1971) The Uses of Disorder: Personal Identity and City Life, London, Allen Lane

Sennett, R. (1995) “Something in the City” Times Literary Supplement, 22. September, pp. 13-5.

Spiegel Online International (2010) Protests Against Mega Project Grow, available online: http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,713375-2,00.html

Tajfel, H. (ed) (1978) Differentiation Between Social Groups: Studies in the Social Psychology of Intergroup Relations, London, Academic Press

Tajfel, H. (1981) Human Groups and Social Categories: Studies in Social Psychology, Cambridge, Cambridge University Press

Western, J. (1996) Outcast Cape Town (first published 1981), Berkeley, University of California Press

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