Der Untergang des Abendprogramms – die Medien als Erzfeind der Zivilisation

Mai 27, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Meyrowitz behauptete, Fernsehen würde alle Arten von Material für Kinder zugänglich machen. Dies war eines seiner Hauptargumente für die Regulierung der Medien. Ich werde zeigen, dass das deutsche Fernsehen nicht unreguliert ist. Das zweite Argument für eine Regulierung ist die These, die zum Beispiel von Habermas ins Spiel gebracht wurde, dass die Konzentration der Medien eine Gefahr für die Demokratie darstellen würde. Habermas sprach von einer Refeudalisierung der Gesellschaft. Kann das öffentlich-rechtliche Modell einen Schutz bieten. Brauchen wir es überhaupt noch?

 TV Man

Sodom und Gomorrha

Kinder vor dem Schmutz, den die Medien verbreiten, zu schützen, wird oft als Hauptgrund für eine Regulierung der Medien angesehen. Kinder wären ungeschützt dem Ansturm von Sex, Gewalt, Verbrechen und sonstigen Obszönitäten ausgesetzt, heißt es. Meyrowitz (1985) behauptete, Fernsehen hätte alle Tabus hinweggewischt. Dinge, die vormals vor dem Kind versteckt wurden, treffen jetzt ungefiltert auf die kindliche Psyche. Meyrowitz glaubt, dass die Kinder früher nicht nur vor solchen Themen geschützt waren, sondern auch vor dem Wissen, dass etwas vor ihnen verheimlicht wird. Nunmehr wissen sie, dass sie etwas nicht wissen sollen; und das untergräbt die elterliche Autorität.

Meyrowitz sieht die Sache aus einem eindeutig amerikanischen Blickwinkel. In europäischen Ländern ist das Fernsehen normalerweise stärker reglementiert. In den meisten Ländern gibt es einen mächtigen öffentlich-rechtlichen Bereich, der von unabhängigen Behörden kontrolliert wird. In Deutschland gibt es die Vereinbarung, an die sich auch private Anbieter halten, dass Filme, die erst ab 16 freigegeben sind, erst nach 22 Uhr gezeigt werden dürfen. Filme, ohne Jugendfreigabe können sogar erst auch 23 Uhr ins Programm genommen werden (FSK, 2005). Da aber gerade die privaten nicht auf die sogenannten Blockbuster im Abendprogramm ( zur Prime Time) verzichten wollen, führt das dazu, dass Filme blindwütig verstümmelt werden, um die FSK12 Bedingungen zu erfüllen. Erwachsene werden also bevormundet, damit ihre Kinder nicht geschädigt werden.

Unterschiedliche Gesetze in den unterschiedlichen europäischen Ländern führen zu noch abstruseren Situationen. So kann ich einen Film, der als nicht jugendfrei gekennzeichnet ist, bei einem ausländischen Internetshop ohne Probleme kaufen und ihn mir mit der normalen Post nach Hause schicken lassen. Kaufe ich ihn zum Beispiel bei Amazon Deutschland, so wird mir das Paket nur gegen Vorlage eines Ausweisdokuments ausgehändigt. In Österreich kann ich gar Filme, die in Deutschland immer noch auf dem Index stehen, frei erwerben. Ob ich die dann nach Deutschland einführen darf, weiß ich nicht, aber es gibt ja keine Grenzkontrollen. Somit greifen nationale Gesetze ins Leere und ihre Sinnhaltigkeit sollte dringend überprüft werden.

Sicherlich ist die Idee, Kinder vor gewaltstrotzenden Inhalten zu schützen, nicht verkehrt. Bandura (1961) zeigte in seinem berühmten Experiment mit der Bobo-Puppe, dass Kinder aggressives Verhalten nachahmen. Und sie werden es mit höherer Wahrscheinlichkeit tun, wenn sie erleben, dass die aggressive Person für ihr Verhalten belohnt wird. Aber der kausale Zusammenhang zwischen aggressivem Verhalten und Medienkonsum ist schwer nachzuweisen und wird von vielen Wissenschaftlern als schwach oder sogar als nicht existent gesehen.

Die meisten Forscher glauben allerdings, dass Medienkonsum tatsächlich Effekte hat. Aber die Kinder kopieren nicht stupide das Verhalten, das sie im Fernsehen gesehen haben. Sie lernen rasch sich ein eigenes Urteil zu bilden. Kinder wachsen heutzutage mit den Medien auf, und haben daher ein ganz anderes Verhältnis zu ihnen, als frühere Generationen. Seiter (1999) glaubt, dass Kinder die Medien benutzen, um ihre eigene Identität zu definieren. Medien sind Teil unseres täglichen Lebens.

Die Idee verletzliche Menschen vor den Medien zu schützen ist so alt wie die Medien selbst. Früher waren es die Frauen, die man als schutzbedürftig ansah, heute sind es Kinder und Jugendliche. Nach jedem aufsehenerregenden Fall eines Amoklaufs oder einer ähnlichen Gewalttat, die mit Medienkonsum in Verbindung gebracht werden kann, geht ein moralischer Aufschrei durchs Land. Besonders konservative Kräfte rufen dann lauthals nach Verboten von gewaltverherrlichenden Filmen und Videospielen, und zunehmend auch von Webseiten. Solche Aufrufe sind meist gekoppelt mit dem Ruf nach mehr Kontrolle und schärferen Gesetzen.

Viel interessanter wäre es doch, zu ergründen, was uns gewaltverherrlichende Filme und Spiele über die Psyche der Produzenten sagt. Die italienischen Sexploitation-Filme der Siebziger werfen ein vielsagenden Blick auf die italienische Machowelt, in der ihre Macher großgeworden sind. Die blutrünstigen japanischen Horror-Movies lassen nichts Gutes ahnen bezüglich der seelischen Gesundheit Japans. Eine psychoanalytische Deutung wäre von Nöten, muss hier jetzt aber auf ein späteres Essay verschoben werden. (Dieses Verschieben ist keine psychodynamische Abwehrreaktion meinerseits sondern schlicht fehlender Grundlagenforschung geschuldet),

Volksverdummung durch den Markt?

Das zweite Argument für eine Regulierung, das ich erörtern will, kommt aus der politisch entgegengesetzten Richtung. Theoretiker, die der marxistischen politischen Ökonomie zuzurechnen sind, glauben, dass die Medienkonzentration zu einer Produkthomogenisierung führt. So müssen Medienunternehmen den Skaleneffekt, der durch das Erreichen eines Massenpublikums erzielt wird, sowie den Verbundeffekt, der durch die Produktion ähnlicher Produkte entsteht, nutzen um wettbewerbsfähig zu bleiben. Anders gesagt, der Skaleneffekt entsteht durch die Reduzierung der Stückkosten durch Massenproduktion und der Verbundeffekt dadurch, dass man denselben Inhalt auf vielen verschiedenen Mediengattungen verfügbar macht.

Die größere Gefahr für die Demokratie wird von den marxistischen Medientheoretikern aber darin gesehen, dass die Produktionsmittel in der Hand der Kapitalisten konzentriert sind. Und wer im Besitz der Produktionsmittel ist, hat die Kontrolle über die Verbreitung von Ideen. Habermas sah im Aufkommen der Massenmedien eine Rückkehr in die Zeit bevor der Buchdruck erfunden war. Damals wurde das Wissen von einer (scholastischen) Elite kontrolliert. Erst der Buchdruck führte zu einer Demokratisierung. Neue Ideen konnten sich nun ausbreiten und konnten somit auch diskutiert werden. Ein allgemeiner Diskurs, also mit anderen Worten Öffentlichkeit, entstand. Die Massenmedien führen nun zu einer Refeudalisierung der Gesellschaft. Die Kontrolle über die in der Gesellschaft kursierenden Ideen kehrt wieder zurück zur herrschenden Klasse (Habermas, 1989).

Guten Abend, meine sehr verehrten Damenundherren

Williams (1966) äußerte als Kritik am marktwirtschaftlichen Medienmodell, dass “anything can be said, provided that you can afford to say it and that you can say it profitably”. Graham and Davies (1992), die glauben, dass “in a democratic society undue concentration of media ownership is, however, highly undesirable”, sind Fürsprecher für öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme, da der Markt keine qualitativ hochwertigen Sendungen hervorbringen könne.

Die meisten europäischen Staaten leisten sich große öffentlich-rechtliche Sendeanstalten. Oft sind sie durch eine verbindliche Gebühr wie in Großbritannien finanziert. Das soll sie unabhängig vom Markt machen. Aber selbst die BBC muss um Marktanteile kämpfen, um zu beweisen, dass das ÖR-Konzept valide ist.

In Deutschland wird das Konzept der Marktunabhängigkeit noch weiter verzerrt dadurch, dass sich ARD und ZDF einen Zweikampf sowohl um den jeweiligen Anteil an der Rundfunkgebühr als auch einen Wettstreit um Werbeeinnahmen liefern. In letzterem treten sie auch als direkte Wettbewerber der privaten Senderketten von RTL und ProSieben/Sat1 an. 2008 betrieben die beiden Öffentlich-rechtlichen sechs überregionale Kanäle, einschließlich dem multinationalen 3Sat (Deutschland / Österreich / Schweiz) und dem binationalen, bilingualen Arte (Frankreich / Deutschland). Die anderen vier Programme waren: Das Erste, ZDF, Kika und Phoenix. Die ARD-Sender betrieben zusätzlich acht regionale Vollprogramme: Nord, WDR, Hessen, RBB, MDR, Südwest, BR und BR Alpha. Beide Anstalten leisteten sich auch noch jeweils drei Digitalkanäle. Alle diese Programme kamen zusammen nur auf einen Marktanteil von 43,6% (AGF, 2009).

Dieser magere Marktanteil führt zu einem Legitimationsproblem für den Zwangseinzug der hohen Rundfunkgebühr. Um den Marktanteil zu steigern, investieren die Sender daher immer mehr in immer seichtere Unterhaltung. Mit Spielshows, Seifenopern und Sportberichterstattung will man den privaten die Zuschauer abnehmen. Die Öffentlich-Rechtlichen agieren immer mehr wie kommerzielle Medienunternehmen. Das führt zu einem anderen Legitimationsproblem. Der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist Information und Kultur in die Gesellschaft hineinzutragen. Kultursendungen wurden in den letzten Jahren aber immer weiter gen Mitternacht verschoben im Programm. Spielfilme und Fernsehfilme, die den Zuschauer irgendwie fordern könnten, finden, wenn sie überhaupt noch gibt, auch um diese Sendezeiten statt. Das führt dazu, dass selbst Woody Allen Filme, die nun wahrlich alle unterhaltsam sind – auch die aus seiner „ernsten“ Phase – nur noch um Mitternacht gesendet werden. Nur Politik ist noch nicht ganz aus der Hauptsendezeit verdrängt worden.

Fazit

Staaten können sich in unserer globalisierten Welt keine Alleingänge mehr erlauben. Nationale Lösungen sind Lösungen von gestern. Wir erleben einen Übergang zu einer neuen, globalen Medienwelt. Das gilt besonders für neue digitale Medien wie Twitter, Facebook und andere soziale Netzwerke. Diese globalen Medien brauchen eine Regulierung auf globaler Ebene. Unabhängige, internationale Organisationen müssen die Medien überwachen und sie müssen wie es sich Williams gewünscht hat, demokratisch sein und weder vom Markt noch vom Staat abhängig.

Kinder sind zumindest in Deutschland genug vor schädlichen Inhalten geschützt. Schließlich stehen auch die Eltern in der Pflicht zu kontrollieren was ihre Kids so treiben. Der Staat kann den Eltern nicht die ganze Erziehungsarbeit abnehmen. Wer Kinder in die Welt setzt, trägt auch für ihren Werdegang Verantwortung. Gerade in Deutschland sind einige Mediengattungen überreguliert.

Die Idee das Marktversagen durch öffentlich-rechtliche Medien zu heilen, ist immer noch valide. Aber die Öffentlich-Rechtlichen dürfen nicht wie kapitalistische Unternehmen am Markt agieren. Sie müssen sich wieder auf ihren Auftrag konzentrieren. Sie dürfen nicht den Privaten hinterherhecheln und jeden Blödsinn nachmachen. Casting- und Kochshows sind überflüssig im ÖR. Die Fernsehanstalten sollten die Rundfunkgebühr dazu benutzen Kultur zu produzieren und den gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu halten.

Bibliographie

AGF (2009) Marktanteile August, 19, 2009 from: http://www.agf.de/daten/zuschauermarkt/marktanteile/

ARD (2009) Programme August, 19, 2009 from: http://www.ard.de/intern/programme/-/id=8168/1x0mzht/index.html

Bandura, A., Ross, D, and Ross, S. A. (1961) „Transmission of aggression through imitation of aggressive models“, Journal of Abnormal and Social Psychology, vol. 63, no. 3, pp. 575-82.

Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) (2005) Geschichte August 18, 2009 from: http://www.spio.de/index.asp?SeitID=16

Graham, A. And Davies, G. (1992) „The public funding of broadcasting“ in Congdon, T., Sturgess, B, Shew, W.B., Graham, A. and Davies, G., Paying for Broadcasting: The Handbook, London and New York : Routledge

Habermas, J. (1989) The Structural Transformation of the Public Sphere, Cambridge : Polity

Meyrowitz, J. (1985) No Sense Of Place, New York: Oxford University Press

Seiter, E. (1999) Television and New Media Audiences, New York : Oxford University Press

Williams, R. (1966) Communications 2nd Edition, London : Chatto and Windus.

ZDF (2009) ZDF August, 19, 2009 from: http://www.zdf.de

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