Elias‘ mystische Mengenlehre

Mai 23, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Soziologe Nobert Elias war beseelt von der Idee die verschiedenen soziologischen Lager zu befrieden. Ja, er blieb in diesem Verlangen auch nicht bei der Soziologie stehen. Den Abgrund, der zwischen Materialismus und Vitalismus klafft, wollte er überbrücken. Synthese war für ihn wichtiger als Analyse. Die Fähigkeit zu Synthese wohnt der Natur inne, die Analyse ist ein Werkzeug des menschlichen Geistes. Zu Ende seines Lebens baute er ein hierarchisches System der Wissenschaft auf – doch dazu später

Der Einzelne im Netz der Figuration

1939 beschrieb Elias in seinem Essay „Die Gesellschaft der Individuen“ seine Idee von einer dynamischen Struktur aus interagierenden Menschen. Er nannte dieses Geflecht „Figuration“. Damit stellte er sich gleichzeitig Theorien entgegen, die den Mensch als Einzelwesen, getrennt von seiner sozialen Umgebung sahen, materialistischen Theorien, die ihn in ein rational handelndes Wesen in einer rational erfahrbaren Welt degradieren wollten, sowie Theorien, die den Mensch als hilflosen Gefangenen der gesellschaftlichen Strukturen ohne jegliche Handlungsfreiheit sahen.

Für Elias ist der Mensch kein homo clausus. Er ist kein in sich abgeschlossenes Einzelwesen sondern vielmehr ein soziales Wesen und somit immer Bestandteil einer sozialen Welt. So eine soziale Welt muss nicht unbedingt von langem Bestand sein. Eine Zufallsbekanntschaft zwischen zwei völlig fremden Menschen kann eine extrem kurzlebige soziale Welt erzeugen. Diese soziale Welt besteht nur durch die Verbindung zwischen den beiden Individuen und wurde von ihnen geschaffen.

Die Menschen können sehr wohl agieren. Elias raubt ihnen nicht die Hoffnung Akteure des Weltgeschehens zu sein, aber dennoch glaubt er, dass sie den Lauf der Welt weder rational noch irrational bestimmen können. Dazu führt er etwas in die Diskussion ein, was ihn dann doch als Hermeneutiker kennzeichnet. Eine quasi magische Kraft tritt nun bei ihm in Erscheinung. Diese Figurationen, gebildet durch das Wirken der Menschen, entwickeln nämlich, kaum sind sie „gezeugt“ eine Eigendynamik. Laut Elias entwickeln sie sich autonom von den Lebewesen, die sie erschaffen haben. Die Individuen können sie nicht steuern. Elias sagt: „Niemand kann die Bewegungen des Ganzen steuern, es sei denn, ein großer Teil von ihnen wäre imstande, die weiträumige Figuration, die sie zusammen bilden, zu verstehen und gleichsam von außen zu sehen“ (Elias, 1983 [1956], S.21).

Das kann natürlich niemand. Trotzdem beeinflussen die Individuen die Figuration durch ihre Handlungen. Die nachgeborenen Generationen werden in die Figuration hineingeboren und müssen sich an sie anpassen. Elias sagt über den Mensch: „Er ist von seiner Geburt in einen Funktionszusammenhang von ganz bestimmter Struktur hineingestellt; in ihn muß er sich fügen, ihm nach sich gestalten und von ihm aus unter Umständen weiterbauen“ (Elias, 2001 [1939], S. 31).

Elias hat durchaus richtig erkannt, dass der Mensch verschiedenen sozialen Welten angehören kann. Ein homosexueller Fußballer bewegt sich in einer anderen Welt, wenn er eine Schwulenbar betritt, als wenn er mit der Mannschaft nach dem gewonnenen Spiel feiert. In seinem Essay „Wandlungen der Wir-Ich-Balance“ von 1987 schreibt er: „ Es hängt von der Anzahl der ineinander verschachtelten Integrationsstufen einer Gesellschaft ab, wieviel Schichten im sozialen Habitus eines Menschen ineinander verwoben sind. Unter ihnen nimmt gewöhnlich eine bestimmte Schicht einen besonders prominenten Platz ein (Elias, 2001, S.245).

Ganzheitliches Denken

Die Figuration ist für Elias mehr als die Eigenschaften der Individuen, die sie bilden. Das Ganze ist mehr als die Summe ihrer Teile. Elias erläuterte 1979 in zwei Fragmenten warum das so ist. Im ersten Fragment heisst es: „[] daß die Einheiten, die jeweils eine höhere Integrationsstufe repräsentieren, stufenspezifische Eigentümlichkeiten des Funktionierens und Verhaltens besitzen, die sich nicht auf die Eigentümlichkeiten der zusammensetzenden Teileinheiten niedrigerer Stufe zurückführen, sich nicht allein aus deren Funktions- und Verhaltensweisen erklären lassen, sondern die aus der Eigenart der Konfiguration, die die Teileinheiten niedrigerer Stufe miteinander bilden, erklärt werden müssen“ (Elias, 1983, S. 200f.). Im zweiten Fragment ergänzt er: „Eben dies, die Abgabe von Funktionen der einen Teileinheit an andere Teileinheiten, also das Ausmaß der funktionalen Interdependenz, ist auf verschiedenen Stufen der organischen Evolution verschieden“ (Elias, 1983, S. 252).

Mittlerweile hatte Elias sein Figurationsmodell auf die gesamte Evolution ausgebreitet. Er baute eine Hierarchie vom Atom, über das Molekül, die Zelle, den Menschen bis zur Gesellschaft auf. Das Modell bereitet mir Schwierigkeiten an den Übergängen von der unbelebten Materie zu den Lebewesen auf der einen Seite, und vom Menschen zu der abstrakten Ebene der Gesellschaft auf der anderen Seite. Für Elias zeichnet sich jede Ebene eben dadurch aus, dass die Einzelteile durch Abgabe von Funktionen, also durch Spezialisierung, ein höherwertiges System erschaffen. Für ihn sind die Übergänge fließend. Er will Geist und Materie zwingend in seinem System integrieren. Es bleibt aber unklar, was die Einzelteile dazu bewegt, Funktionen abzugeben. Da klingt bei Elias doch etwas Idealistisches an. Ist es nicht eher so, dass die Zellen im Körper Funktionen dadurch verlieren, dass sie sie nicht auszuüben brauchen? Es ist also kein gezieltes Verzichten sondern ein systembedingtes Verlernen. Elias sieht das anders. Über höher entwickelte Zellen sagt er: „Sie besitzen eine Art ontologische Soziabilität, die – anscheinend – dem primitiveren Typ der Zellen und gewiß Molekülen und Atomen noch fehlt“ (Elias, 1983, S. 254). Den Übergang von einer lebenden Fliege und einer totgeschlagenen, ist also nur ein Rückfall in eine geringe Ordnungsstufe für Elias (Elias, 1983, S. 225).

Diese „Schwarmintelligenz“, die also das Ganze von ihren Teilen unterscheidet, bleibt unerklärt. Elias hingegen, von seinem Drang nach Synthese getrieben, fügte nun auch die Wissenschaften zu einem hierarchischen Modell zusammen. Ganz nach dem Vorbild des eben erläuterten Modells gruppierte er auch die Wissenschaft. Es wird aber nicht auf viel Gegenliebe bei den Chemikern und Physikern gefunden haben, dass Elias diese Wissenschaften als grundlegend angesehen hat. Grundlegend heisst, er ordnet sie auf der Stufe der Atome ein. Für ihn sind das die Wissenschaften mit der geringsten Ordnungsstufe.

Fazit

Elias wollte eine einheitliche Theorie für alles erreichen. Sein Bestreben nach Synthese hat ihn meines Erachtens etwas zu sehr in metaphysische Regionen geleitet. Die seltsame Kraft, die das Ganze zu mehr als der Summe der Eigenschaften seiner Einzelteile macht, bleibt ohne Namen. Das könnte man noch verkraften. Die Idee allerdings aus der Theorie der Figuration, ein hierarchisches Modell abzuleiten, welches unbelebte Materie, Lebewesen und gesellschaftliche Strukturen enthält, erscheint mir verwegen. Zumal auch hier der Übergang nur schwammig erklärt wird. Wieso wird eine Fliege durch einen Schlag mit der Fliegenklatsche in der Ordnungsstufe zurückgeworfen und warum können die Einzelteile, die die Fliege ausmachen, jetzt nicht mehr die höhere Stufe erreichen? Warum ist die Fliege jetzt tot und kann nicht wieder von den Toten auferstehen?

Bibliographie

Elias, N. (1983) Engagement und Distanzierung 2. Aufl. 1987, Frankfurt: Suhrkamp

Elias, N. (2001) Die Gesellschaft der Individuen, Frankfurt: Suhrkamp

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