Suburbia und Gartenstadt

Mai 17, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Vorstadtsiedlungen in den USA lassen sich kaum mit den Siedlungen vergleichen, die in Deutschland seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden. Erstere entstanden aus dem Verlangen der Mittelschicht heraus, den Innenstädten zu entrinnen, letztere sind geprägt vom Reformeifer von Politikern und Architekten. In Deutschland war es nicht die Mittelschicht sondern die Arbeiterklasse, die in Trabantenstädte umgesiedelt wurde.

Stood by the bus stop with a felt pen

In this suburban hell

And in the distance a police car

To break the suburban spell

Pet Shop Boys

Kapitalismus und grünes Idyll

Die Urbanisierung wurde nördlich der Alpen von der Industrialisierung beschleunigt. Die Industrialisierung begann bekanntlich in Großbritannien. Manchester ist zum Synonym für den frühen Kapitalismus geworden. Die Erfindung des mechanischen Webstuhls und später der Dampfmaschine veränderte die Art und Weise wie Güter produziert wurden. Die neuen Industrien ließen sich in bereits bestehenden Städten nieder, da es dort Arbeitskräfte gab und wegen der Nähe zu dem Märkten. Als die Fabriken wuchsen, zogen sie immer mehr und mehr Menschen aus der Provinz an. Die Geburtenrate stieg dramatisch und führte zu sanitären Missständen und Versorgungsengpässen. Die Versorgung war in Großbritannien privatwirtschaftlich organisiert. Dabei war das Beschaffen von genügend Nahrung nicht das Problem; Schwierigkeiten bereitete die Versorgung mit klaren, reinen Wasser. In der Mitte der Sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts begannen die Städte daher die Wasserversorgung selbst in die Hand zu nehmen. Sanitäre Probleme wuchsen den Behörden über den Kopf. Aber Stadtplanung blieb schwierig wegen den traditionellen Rivalitäten zwischen der Zentralregierung und den städtischen Behörden.

In Berlin zu Zeiten des Kaiserreiches bestand das gleiche Problem. Zusätzlich wurde alles durch bürokratische Hürden noch erschwert. Grundstücksspekulation boomte. Einige Leute wurden reich durch die Errichtung von Mietskasernen. Die Arbeiterschicht musste in diesen schäbigen Behausungen leben.

1898 veröffentlichte der Stenotypist Ebenezer Howard ein Buch, in dem er seine Vision von der grünen Stadt der Zukunft ausmalte. Diese Garden-City sollte nicht zu groß sein, aus freistehenden Einfamilienhäusern bestehen und von einem grünen Gürtel umgeben sein. Diese Stadt würde Technologie, Hygiene und Ästhetik vereinen. Seine Ideen fielen in Europa auf fruchtbaren Boden.

In England waren seine Ideen, wegen der Macht der aristokratischen Landbesitzer und einer ausgeprägten Achtung des Privateigentum, schlecht zu realisieren. Der Architekt Ernst May hatte in Frankfurt weniger Probleme. May baute in Frankfurt Siedlungen, die heute noch als musterhaft gelten. Sein Antrieb und der anderer Reformer war es die Arbeiter aus den sanitär bedenklich und räumlich engen Innenstadtwohnungen in modernere Häuser im Grünen umzusiedeln. Diese Siedlung als Satellitenstädte rund um die Innenstadt zu bauen, und nicht als selbstständige Städte, war seine größte Abweichung von Howards ursprünglichem Konzept. Wie Howard hasste auch May Hochhäuser.

Die Stadt Frankfurt war damals in sozialdemokratischer Hand und May wurde 1925 Stadtbaurat. Zuerst kaufte er die Grundstücke zu fixen Preisen. Später enteignete er die erbosten Eigentümer rigoros. Dem Spiegel sagte er 1963: “Da habe ich einfach nach der Behebungsverordnung enteignet. Man hätte mich bald totgeschlagen dafür, aber ich hab’s gemacht. Es geht nicht anders” (May zitiert in Kessler, 2006, S.65).

Le Corbusier, der berühmte sozialistische, schweizerisch-französische Architekt hatte nur abfällige Worte für die Gartenstädte übrig. Für ihn waren sie altmodisch und bourgeois. Er sah das Haus als eine Maschine an. Le Corbusier liebte Hochhäuser. Ironischerweise baute May, als er nach einem langen Exil in der Sowjetunion und in Afrika nach Deutschland zurückkam, in Darmstadt riesige Wohnblocks und Hochhäuser. Eine mehrspurige Straße und die nahe Bahntrasse führten zu heftigen Bürgerprotesten. Das Projekt wurde May schließlich weggenommen. Es wurde trotzdem ein riesiges Desaster.

Suburbanisierung in den USA

Die Besiedlung der USA geschah weitestgehend ohne staatliche Kontrolle. Die Zentralregierung in Washington hatte nicht die Kompetenzen und nicht die Macht – und vielleicht auch nicht immer den Willen – die Entwicklung zu steuern. Somit blieb es privater Initiative überlassen, die Bebauung voranzutreiben.

Der Anfang der Urbanisierung ist vor den Beginn der Industrialisierung zu datieren. Damals hatten die Städte im Osten der USA keine Infrastrukturstrategie. Eisenbahnverbindungen zwischen einzelnen Städten wurden nur realisiert, wenn sie als profitträchtig angesehen wurden. Auf diese Weise wurde das geographisch günstig gelegene Chicago, zu einem wichtigen Handelszentrum. Auch in seinem Inneren sieht man wie die kommerziellen Kräfte wirkten. Die Hochbahnstrecken für die Chicago berühmt ist, wurden nur deshalb gebaut, weil der Bau von eben- oder unterirdischen Trassen, den Handel in der Stadt beeinträchtigt hätten. Auch die Wolkenkratzer, die unser Bild von den USA prägen, waren nur möglich wegen den hohen Grundstückskosten in den amerikanischen Großstädten.

Während es in den meisten Städten keine städtische Verkehrsplanung und Stadtentwicklung gab, gilt Los Angeles als ein Ort, der mit dem Konzept des Individualverkehrs im Hinterkopf geplant wurde. Aber das war in den USA die Ausnahme. Es war vielmehr der Wettbewerb zwischen den Städten um sanitäre Konzepte und Infrastrukturentwicklung, die den Prozess anschoben. Die evolutionär entstandene Verkehrsinfrastruktur war es, die die Suburbanisierung möglich machte. Auslöser für die Flucht in die Vorstädte war sie aber nicht.

Viele verschiedene Beweggründe kommen hier zusammen. Zunächst war da ein (Zurück)sehnen nach einer idealisierten ländlichen Idylle, die man durch die enge Bebauung der Großstädte und der Anonymität des Lebens in ihnen, verloren wähnte. Gesundheitliche Bedenken kamen dazu. Die frische “Landluft” galt und gilt als positives Gegenstück zur durch Abgasen und Schornsteine vergifteten Innenstadtluft. Die hohen Gebühren und Steuern in der Stadt waren auch ein Auslöser. Wichtig waren in Amerika aber schon zu frühem Zeitpunkt die Berührungsängste mit anderen Ethnien. Die USA waren immer ein Einwanderungsland. Das hieß aber nicht, dass Italiener, Iren, Osteuropäer von der anglo-amerikanischen Hegemonie als Nachbarn willkommen geheißen wurden. Später flohen weiße Amerikaner vor schwarzen und asiatischen Zuzüglingen.

Die protestantisch-puritanische Religion und ihre Unterdrückung der Sexualität,sowie übertriebene Reinlichkeit können dazu geführt haben, dass eine verinnerlichte Aversion gegen Schmutz umgelenkt wurde auf die Zustände in der Innenstadt. Die Wahrnehmung der Großstadt als Erzeuger kakophonischen Lärms, in Verbindung mit dem, oftmals als chaotisch empfundenen, Treiben in der Großstadt und, den als unsauber empfundene anderen Ethnien, könnte man psychoanalytisch als eine Regression, einen Rückfall in die anale Phase deuten. Dazu kommt unbewusster Neid auf Menschen, von denen man glaubt, dass sie mehr Spass am Leben haben, da sie die puritanischen Zwänge nicht verinnerlicht haben. Die Angst führte zu einer Flucht in die Vorstädte. Bemerkenswert ist es, dass sich die Gartenstadtidee im katholischen Südeuropa nicht durchgesetzt hat.

Die Flucht in die Vorstädte wirkte sich vor allen negativ auf das Leben der Ehefrauen aus, denkt Silverstone (1997). Ihnen wird der Zugang zur Gesellschaft weitgehend verbaut. Der Mann verlässt morgens das Haus, um das Geld zu verdienen. Die Frau muss das Haus hüten. Aus der Gemeinschaft der Frauen, die in der Innenstadt herrschte, ist sie herausgerissen

Fazit

Das Entstehen der Vorstädte lässt sich nicht technologisch erklären. Der Glaube, das Auto hätte Suburbia erschaffen, ist zu kurz gedacht. In Deutschland und England entstanden Siedlungen aus Reformeifer heraus. May war beeinflusst von der Gartenstadtbewegung. Das nötige Land wurde dazu teilweise rücksichtslos enteignet.

In den USA ist die Suburbanisierung tatsächlich mit dem Auto verbunden. Hier war es die Mittelschicht, die aus eigenem Antrieb, die Innenstädte verließ. Die Technologie war jedoch auch hier nicht der Auslöser. Auch hier war es die Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit, nach einem Zurück in den Schoß der Natur. Die Natur wird als das Heilende und Normale, dem Irrsinn, Lärm und Schmutz des „Krebsgeschwürs“ Großstadt gegenübergestellt. Diese Sehnsucht teilten die amerikanische und die europäische Mittelschicht. In Europa allerdings war es die sozialdemokratische Mittelschicht, die dieses Ideal, der Arbeiterklasse aufoktruierte. In den USA war die Bewegung stark durch Segmentation getrieben. Man wollte unter sich sein und dem Schmelztiegel Großstadt entkommen.

Bibliographie

Geist, J.F. und Kürvers,K, (1984) Das Berliner Mietshaus 1862-1945, München:Prestel Verlag

Howard, E. (1985 [1898]) Garden Cities of To-morrow, Builth Wells: Attic Books

Hudson, P. (1992) The Industrial Revolution, London; Edward Arnold

Jackson, K.T. (1985) Crabgrass frontier: the surburbanization of the United States, Oxford: Oxford University Press

Kessler, K. E. (2006) Wohnungsbau der 20er Jahre, Frankfurt: Haag + Herchen

Meinig, D.W. (1993) The Shaping of America: a geographical perspective on 500 years of history, vol. 2, Continental America, 1800-1867, New Haven, Yale University Press

Silverstone, R. (1997) Visions of Suburbia, London:Routledge

Tarr, J. A. (1973) ‚From the city to suburb: the moral influence of transportation technology” in Callow jr, A. B. (ed) American Urban History: an interpretative Reader with commentaries, London, Oxford University Press.

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