Von Kant zur sozio-kulturellen Perspektive

Mai 14, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Viele Philosophen, Sozialwissenschaftler und Psychologen sehen Immanuel Kant am Beginn des Konstruktivismus. Auch Harald Wasser sieht ihn in seinem Essay „Eine kleine Reise zum Konstruktivismus“ als Ausgangsstation. Laut Wasser war Kant der Erste, der Wahrnehmung mit Schöpfung gleichsetzte. Wir können „das Ding an sich“ nicht erkennen, sondern immer nur unsere eigenen, subjektive Interpretation davon. Kant glaubte, dass Menschen Informationen kategorisieren müssen, um sie zu speichern. Schopenhauer proklamiert in seiner Schrift „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ (1847):

Unser erkennendes Bewusstseyn, als äussere und innere Sinnlichkeit (Receptivität), Verstand und Vernunft auftretend, zerfällt in Subjekt und Objekt, und enthält nichts ausserdem. Objekt für das Subjekt seyn, und unsre Vorstellung seyn, ist das selbe. Alle unsre Vorstellungen sind Objekte des Subjekts, und alle Objekte des Subjekts sind unsre Vorstellungen. Nun aber findet sich, dass alle unsre Vorstellungen unter einander in einer gesetzmässigen und der Form nach a priori bestimmbaren Verbindung stehen, vermöge welcher nichts für sich Bestehendes und Unabhängiges, auch nichts Einzelnes und Abgerissenes, Objekt für uns werden kann.

Alle unsere Wahrnehmungen sind also Objekte des einen Subjekts, und sie sind ursächlich verbunden. Wittgenstein, der wie auch Schopenhauer stark von Kant beeinflusst war, glaubte dass die Grenzen unseres Sprachvermögens auch die Grenzen unserer Welt setzten. Was wir nicht in Worte fassen können, können wir auch nicht denken.

In der Psychologie brachte der Konstruktivismus die sozio-kulturelle Perspektive hervor. Denker dieser Richtung fokussieren sich darauf, wie Bedeutungen durch soziale Aktivitäten und Sprache erzeugt werden. Bedeutungen sind für sie konstruiert und keineswegs unveränderlich. Der Aufstieg der sozio-kulturellen Richtung wird oft als ein Teil der zweiten kognitiven Revolution angesehen.

Konstruktivisten stehen in der Frage, im früher heftig ausgetragenen Konflikt um „Nature or Nuture“, also darum, ob die Biologie oder die Gesellschaft ausschlaggebend sind für das, was aus einem Menschen wird, klar auf der „Nuture-Seite“. Manche Konstruktivisten gehen sogar so weit zu sagen, das das menschliche Geschlecht nicht von der Natur bestimmt wird, sondern gesellschaftlich konstruiert ist, und somit von den Betreffenden willentlich gewechselt werden kann. Als Beispiele kann man hierfür die (britische) Popkultur der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts nennen, die dominiert wurde vom Glam-Rock. Die Frontmänner der Glam-Rockbands gaben sich ein androgynes, transsexuelles Image. Sie färbten ihre Haare, legten Lippenstift auf und Maskara und staksten in Plateausohlen über die Bühne. David Bowie und Marc Bolan waren die maßgeblichen Vertreter dieser Bewegung. Aber nach ein paar Jahren kehrte auch Bowie wieder zu einem männlicheren Image zurück. Er konnte seinem biologischen Geschlecht nicht entfliehen. In den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts lehnte sich Sinead O’Connor gegen die Genderisierung auf, rasierte sich die Haare ab und trat mit Glatze auf die Bühne. Aber auch sie musste die biologischen Fakten anerkennen. Mittlerweile sind die Haare wieder gewachsen und sie ist Mutter von vier Kindern.

Auch in der Entwicklungspsychologie steht der Konstruktivismus im Kontrast zu anderen Perspektiven. Mary Ainsworths Attachmentheorie wird ja gerade in letzter Zeit wieder kontrovers diskutiert. Ainsworth glaubte, dass die Bindung, die ein Kleinkind in den ersten Monaten seines Lebens zu seiner primären Bezugsperson (die meist die Mutter ist) entwickelt, sein Bindungsverhalten ein ganzes Leben lang prägt. Deshalb ist es wichtig, so die Befürworter dieser Theorie, dass die Mutter für das Kind da ist, und das Kind nicht in einen Kinderhort „abgeschoben“ wird. Ainsworth stand in der Nachfolge der englischen Object-Relations Schule, die wiederum auf Freuds Psychoanalyse aufsetzte. Ainsworth, wie auch Freud, vertraten eine deterministische Haltung. Das menschliche Verhalten folgt danach einer natürlichen Entwicklung. Die Grundsteine der Entwicklung sind durch biologische und evolutionäre Bedingungen auf der einen Seite und durch Prägungen durch individuelle Erfahrungen in den ersten Lebensmonaten gelegt. Im späteren Leben kann diese Prägung kaum noch überwunden werden.

Konstruktivisten bestreiten dies. Sie sehen das Umfeld, in dem ein Mensch aufwächst als relevant an. Für sie kann die frühkindliche Prägung jederzeit im Leben durchbrochen werden, sofern das gesellschaftliche Umfeld dies zulässt. Übrigens hatte sich auch der Psychoanalytiker Erik Erikson von der Vorstellung entfernt, dass die menschliche Identität nach der frühen Kindheit gefunden und in der Folge fix wäre. Erikson glaubte zwar auch an eine sequentielle Entwicklung, die von der Natur vorgegeben ist, aber in allen Lebensaltern gibt es bei ihm Krisen oder Weggabelungen, bei denen man diesen oder jenen Weg nehmen kann. Als am Wichtigsten sah er dabei nicht die Kindheit, sondern die Pubertät an.

Die Rollenspiele des Herrn Goffman

Der kanadische Soziologe Erving Goffman hat 1959 schon in seinem bahnbrechenden Werk „The Presentation of Self in Everyday Life“ behauptet, Identität wäre ein soziales Konstrukt, das wir jeweils unserer Umgebung und der Situation anpassen. Er stellte seine Arbeit unter das von Shakespeare entlehnte Motto: die Welt ist eine Bühne und wir sind alle Schauspieler.

Er meinte damit, dass wir wenn wir einen Menschen treffen, sofort versuchen herauszufinden, wer er ist. Möglicherweise schon vorhandenes Wissen wollen wir ergänzen durch neue Erkenntnisse. Die, in unseren Köpfen gespeicherten Stereotypen, wenden wir auch auf ihn an. Besitzen wir schon genug Wissen über ihn, so werden dies benutzen, um die Situation zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Der Andere aber versucht auch, die Kontrolle über die Situation zu erlangen, und zwar, indem er uns von der Identität, die er zur Schau trägt, überzeugen will. Er spielt also eine Rolle. Je besser, er das tut, je authentischer er sie verkörpert, umso eher lassen wir uns überzeugen. Aber er gibt auch Informationen von sich preis, die er nicht preisgeben wollte. Das kann durch unbedachte Worte oder durch seine Kleidung, Körperhaltung oder sein Auftreten passieren.

Goffman glaubt, dass die Rollen schon vorbestimmt sind. Gesellschaftliche oder gruppenspezifische Normen geben zum Beispiel einen bestimmten Verhaltenskodex vor. Aber wir sind auch in der Lage im Rahmen dieser Rolle zu improvisieren. Rita Felski kritisierte Goffmans Thesen, weil sie glaubte, wir würden diese Rollen nicht bewusst übernehmen sondern rein automatisch. Extreme Konstruktivisten hingegen gingen viel weiter als Goffman, indem sie behaupteten, wir könnten unsere Identität nach Belieben wechseln, gerade so, wie man seine Kleider wechselt.

Für Konstruktivisten wird die Identität eines Menschen durch soziale Beziehungen hergestellt. Sprache ist grundlegend für die Konstruktion des Selbst. Jerome Bruner sagt, wir erzeugen uns selbst durch die Geschichten, die wir anderen und uns selbst über uns erzählen. Unsere eigene Identität ist daher nichts Festgeschriebenes. Wir können auch jeder Zeit jemand anders sein, wenn wir dies wollen. Wir können verschiedene Identitäten annehmen, je nachdem, mit wem wir gerade zusammen sind. So können wir Sohn oder Tochter, Untergebener, Freund oder Liebhaber sein. Die Identitäten sind unsere Ressourcen im täglichen Umgang mit anderen Menschen.

Nichts als Elementarteilchen

Wenn man sich Schopenhauers Theorie anschaut, nach der alle unsere Wahrnehmung Objekte des einen Subjekts sind, und diese auch noch ursächlich in Beziehung untereinander stehen, so fallen sofort Parallelen zur buddhistischen Philosophie auf. So glaubt auch der Buddhist, die Welt wäre eine Schöpfung unseres Geistes. Auch der Buddhismus spricht dabei der Materie nicht ihre Existenz ab, sondern er konstatiert, dass ein Objekt nur eine Ansammlung von Elementarteilchen sei. Diese Teilchen sind für sich genommen unsichtbar, erst als Zusammenballung werden sie wahrnehmbar. Wie Kant und Schopenhauer glaubt auch der Buddhismus, dass unsere Sinne dabei den Gegenstand in dem Sinne erschaffen, indem sie der Anhäufung der Elementarteilchen eine bestimmte Bedeutung geben. Wobei es eine Universalität im Erkennen beim Menschen gibt. Jeder der schon einmal ein ähnliches Glas gesehen hat, wird die Überzeugung teilen, dass es bei dem wahrgenommenen Glas, tatsächlich um ein solches handelt. Nichtsdestotrotz sieht jeder ein anderes Glas. Andere Lebewesen aber mögen etwas ganz anderes wahrnehmen.

Wenchao Li schreibt dazu:

Daß etwas blau ist, heißt nicht, daß dieses Etwas tatsächlich blau ist, sondern nur, daß wir, und zwar wir gemeinsam, dieses Etwas als blau bezeichnen.

Und weiter:

Alle Dinge sind eng miteinander vernetzt. Sie stehen zueinander wie unzählige Spiegel. In dem Spiegel sind Spiegelbilder von anderen enthalten. Insofern birgt jedes kleinste Ding die gesamte So-heit in sich und enthält die gesamte Wirklichkeit.

In einem unterscheidet sich die buddhistische Philosophie vom Konstruktivismus. Nämlich in ihrer radikalen Ablehnung der Idee eines unabhängig existierenden Ichs. Hierbei steht der Buddhismus in der Tradition älterer indischer Philosophien. Das Ich ist genau wie die wahrgenommenen Objekte ohne Substanz. Auch wir, die Menschen, sind nur Zusammenballungen von Elementarteilchen. Unsere Identität ist das Ergebnis von biochemischen Vorgängen. Für Li sind das Wahrnehmung, Empfindung und Denken. Wo kein Selbst existiert, gibt es auch weder Tod noch Geburt. Elementarteilchen können nicht sterben. Volker Zotz ergänzt: „Auf Gautamas mittlerem Weg akzeptierte man weder das Ganze noch den einzelnen als absolut, sondern erkannte der Wirklichkeit des Menschen als Prozesse in gegenseitiger Abhängigkeit“.
Bibliographie

Ainsworth, M.S. Blehar, M.C., Waters, E. And Wall, S. (1978) Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation, Hillsdale, NJ, Erlbaum

Bruner, J. (1990) Acts of Meaning, Cambridge, MA, Harvard University Press

Erikson, E. (1968) Identity, Youth and Crisis, New York, W.W. Norton & Co.

Felski, R. (1999-2000) „The invention of everyday life“, New Formations, no. 39, pp. 15-31

Flammer, A (2005) Entwicklungstheorien – Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung (3rd Edition); Bern : Hans Huber

Goffman, E. (1959) The presentation of self in everyday life, Garden City, NY, Doubleday Anchor

Li, W. (1999) Buddhistisch Philosophieren – Eine Einführung, Münster/ New York/ München/ Berlin, Waxmann

Schopenhauer, A (2000/1844) “Kritik der Kantischen Philosophie” in Schopenhauer, A. Ulfig, A (ed) Hauptwerke Band 1: Die Welt als Wille und Vorstellung Köln, Parkland

Schopenhauer, A. (2000/1847) “Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde” in Schopenhauer, A. Hauptwerke Band II – Zur Erkenntnistheorie, Ethik, Logik und Religion Köln : Parkland

Simon, S (1999) From Neo-Behaviorism to Social Constructionism – The Paradigmatic Non-Evolution of Albert Bandura (Thesis); Atlanta : Emory University [available online: http://www.des.emory.edu/mfp/simon.PDF ]

Wasser, H (2007) Eine kurze Reise zum Konstruktivismus – Version 1.1 Retrieved April 11, 2008, from: http://autopoietische-systeme.de/Essay_Reise_zum_Konstruktivismus_Harald_Wasser.pdf

Zotz, V. (1996) Geschichte der buddhistischen Philosophie, Hamburg, Rowohlt

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