Eine kurze Geschichte der Medientechnologie

Mai 14, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Jetzt mit der Ankunft des Internets und der mobilen Kommunikation sei der Medienkonsum wahrlich eingebettet in unser Alltagsleben. Das behaupten zumindest viele Medienwissenschaftler und Soziologen. Die sagen auch, wir würden unser Leben immer mehr auf Events ausrichten. Aber schon unsere frühen Vorfahren freuten sich sicherlich auf die nächste Sommersonnenwendefeier. Abercrombie und Longhurst sehen die moderne Medienkonsumentengemeinde als diffundiert an. Habermas glaubt an ein Zerfallen der gemeinsamen Öffentlichkeit. Das Medienpublikum ist fragmentiert und global zur selben Zeit. Das Medienangebot wird immer mehr individualisiert während die Reichweite immer öfters weltumspannend ist. Aber werfen wir doch einen Blick zurück auf das Entstehen der Massenmedien.

Gutenberg und die Religionskriege
Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Buchstaben markiert den Beginn der Ära der Massenmedien. Vorher gab es nur, was Abercrombie und Longhurst „Simple Audience“ nennen. Zwischen diesem Medienpublikum und dem Medienanbieter existierte eine direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Habermas hält diese Epoche für undemokratisch, da Meinungen und Ideen nur mündlich weitergegeben werden konnten. Das geschriebene Wort stand unter der Kontrolle der Elite, und was wissenschaftliche Werke angeht, besonders der Kontrolle der römisch-katholischen Kirche. Viele einfache Menschen konnten nicht lesen und hatten auch keinen Zugang zu geschriebenen Werken. Und die die keine Analphabeten waren, waren doch das Lateinischen nicht mächtig, in dem wissenschaftliche Werke meist verfasst waren. Auch hinderte der aufwändige Prozess des handschriftlichen Kopierens die Verbreitung von Büchern. Gutenbergs Erfindung im Jahre 1450 änderte sich dies schlagartig. Und natürlich wurde die Bibel der erste Bestseller. 1522 übersetzte Martin Luther das Werk ins Deutsche. War er von der neuen Technologie inspiriert dies zu tun oder hätte er die Bibel auch übersetzt, wenn er keine Chance auf eine Verbreitung seiner Übersetzung gesehen hätte? Ich denke ohne den Buchdruck wäre die Reformation unmöglich gewesen. Außer der Bibel wurden damals auch unzählige Flugschriften von Unterstützern der Reformation gedruckt. Die neue Technik verbreitete die neuen Ideen – und fachte so auch die bitteren Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten an.

Nationale Identität und Globalisierung
Die Druckkunst war auch verantwortlich für die Standardisierung der Sprache. Hatten die Menschen vorher in den verschiedenen Teilen Deutschlands verschiedenartig gesprochen und die Wörter beim Schreiben so buchstabiert, wie es ihnen in den Sinn kam, war mit der zunehmenden Verbreitung von gedruckten Büchern eine Vereinheitlichung der Schreibweisen nötig. In England setzte diese Bewegung früher ein als in Deutschland. Setzte sich auf der Insel das südenglische Idiom durch, so waren im deutschen Sprachraum die Gebrüder Grimm (1854) und Konrad Duden (1880), die unabhängig von einander Wörterbücher der deutschen Sprache verfassten, verantwortlich für das sich nun entwickelnde Schriftdeutsch. Dieses Schrift- oder Hochdeutsch wurde nationale Standardsprache und trug zur Bildung einer nationalen Identität bei.
Gutenbergs Erfindung machte es möglich, dass nun jeder Haushalt eine Bibel besaß. Aber die Ära der Massenmedien beginnt erst mit der Ankunft von Film und Radio so richtig. Das Radio trug wesentlich zur Bildung der Nation bei. In Großbritannien war es die BBC, die sogar bis in die jüngere Vergangenheit, die „korrekte“ Aussprache der Standardsprache diktierte. Ihre Nachrichtensendungen wurden zu Ankerpunkten eines gemeinsamen Nationalgefühls. In Deutschland erkannte Propagandaminister Goebbels früh die Möglichkeit der Beeinflussung der Massen durch den Rundfunk. Die Radiotechnik ermöglichte es die Reden des Führers und die von Goebbels im ganzen Land zu verbreiten. Radio war dabei direkter, emotionaler und schneller als es gedruckte Medien sein konnten. Deshalb lag ihm so viel daran, dass jeder Haushalt einen Volksempfänger besitzen sollte. Dieses günstige Gerät öffnete die Türen für die Erreichbarkeit jedes Haushalt für die Nazi-Propaganda.

Durch Hollywood konditioniert
Es war aber der Film, der unsere, gefühlte Wirklichkeit am stärksten veränderte. Film konditionierte unseren Sinnesapparat neu behauptet Ben Singer. Wir mussten nämlich erst lernen mit der Einprasseln der Sinneseindrücke, mit der hohen Intensität und den Schockeffekten, die wir im Kino erleben, umzugehen. Das stellt die Frage, war es die Technologie, die uns zuerst diesem Wandel aussetzte oder reagierte die Filmemacher nur auf die Beschleunigung und Intensivierung des Lebens der Großstadtbewohner, die um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert stattfand?
Film, und speziell nach dem Aufstieg Hollywoods als führender Filmproduzent, wurde zum ersten global verfügbaren Medium. Befürworter der Medienimperialismustheorie sehen einen massiven Export von amerikanischen Werten und Überzeugungen mit dem hintergründigen Zweck die Welt mit ihrem Konsumdenken und ihrem Kapitalismus zu überziehen. Die Frankfurter Schule um Adorno gehört zu denen, die das Publikum als hilflosen, passiven Empfänger ansehen, der mit kapitalistischen Ideen gefüttert und damit indoktriniert wird ohne es zu merken. Das Problem, so ihre Meinung, hat sich noch verschärft mit dem Aufkommen des Fernsehens. Amerikanische Seifenopern sind die Hauptverdächtigen. Sie stehen im Verdacht amerikanische Werte undercover zu transportieren und zu verbreiten.

Bibliographie

Abercrombie, N. und Longhurst. B. (1998) Audiences: A Sociological Theory of Performance and Imagination. London, Sage

Habermas, J. (1990/1962) Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (Habilitationsschrift). Luchterhand, Neuwied 1962 (Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990),

Singer, B (1995) „Modernity, hyperstimulus, and the rise of popular sensationalism“ in Charney, L und Schwartz, V. R (eds) Cinema and the invention of Modern Life, Berkeley and Los Angeles, University of California Press

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